Hey, heyyyyy!

7. August 2017
Azoren - Insel Pico - Berge im Nebel

Oha! Von irgendwo schallt ein dumpfes „Hey!“ zu mir herüber. Gefolgt von einem strengen Heyyyyy!!!“. Ich kann das gut hören. Nur sehen kann ich gerade so ziemlich nichts. Denn ich stecke in einer Art Milchglastunnel. Anfang und Ende gibt es nicht. An den Wänden klebt Baum- und Wiesentapete. Im Vordergrund sehr frisch und ergiebig, in den saftigsten Grüntönen. Nach hinten raus verblasst alles, wird transparent und irgendwann unsichtbar. Löst sich auf im grauen Nichts. Krakelig sind die Bäume auf der Tapete. Ein bisschen schief. Von Wind und Wetter gezeichnet. Sie sehen aus, als wären sie dafür gemacht, genau hier zu stehen und nirgendwo sonst.

Und mit eben dieser Landschaft, auf dem höher gelegenen Teil der Azoreninsel Pico, wollten wir noch einmal unser Glück versuchen. Auch auf die Kraterseen, die so schön sein sollen, wollten wir unbedingt noch einen Blick werfen. Doch wie schon beim letzten Mal hängen die Wolken gerade tief. Sehr tief. Mit ihren dicken Bäuchen stoßen sie überall dagegen. An Berggipfel und Bäume und auch gegen uns. Manche von ihnen platzen auf und noch mehr Nebel quillt aus ihnen heraus. Das Wetter hier ist verrückt. Es kann einen in die Raserei treiben.

Trotzdem steigen wir alle paar Meter wieder aus dem Auto, um diese Landschaft und die Atmosphäre einzufangen. Denn irgendwie hat die Szenerie auch etwas für sich, an sich. Etwas Mystisches und Märchenhaftes. Wahrscheinlich kommen sie gleich fröhlich singend um die Ecke gehüpft, all die Figuren, die mich als Kind ins Reich der Träume begleitet haben. Die Umgebung wäre perfekt dafür.

„Heyyyyy! Hey, heyyyyy!“ schallt es wieder. Schon ist der Gedanke an irgendwelche Gestalten nicht mehr ganz so witzig. Ich zucke unweigerlich zusammen. Dann bewege ich mich nicht mehr. Wie in Watte gepackt, lausche in den Nebel hinein. Aber da ist nur Stille. Ab und zu kommt ein Windhauch und raschelt an den Bäumen herum. Es wird dadurch nicht besser. Der Mann ist verschwunden. Ich sehe ihn nicht, weil es hier einfach nichts zu sehen gibt. Die Rufe kommen nicht von ihm. So viel steht fest. Mehr aber auch nicht. Wer ist das nur? Bin ich auf Gelände, auf dem ich besser nicht sein sollte? Ist es das, was mir hier jemand vermitteln will? Es ist unheimlich.

Ich beschließe, zum Auto zurückzugehen. Und während wieder dieses „Heyyyyy!“ zu vernehmen ist, sehe ich die Silhouette eines Mannes. Aber das ist nicht meiner. Ein Stück hinter ihm ein Pick-up. Darin ein weiterer Mann. Zum Nachdenken komme ich nicht mehr. Verstecken ausgeschlossen, denn sie haben mich schon entdeckt.

Mürrisch werde ich gemustert. Das ist Standard hier. Dazu gehört auch, dass in der Regel kurz darauf ein Lächeln folgt. So wie jetzt. Eine vertrauensbildende Maßnahme, der ich nachgebe. Ich möchte nicht länger im Unbehagen herumstehen. Es verflüchtigt sich auch sofort. Der Mann, der da steht, lächelt weiter und winkt mich zu sich. Dabei entlässt er einen weiteren langgezogenen Ruf in den dicken Nebel. Ich ahne jetzt, wo das hinführen soll. Gemeinsam schauen wir angestrengt hinterher.

Und dann, ganz leise, ist irgendwo ein Muhen zu hören. „Hey, heyyyyy!“ Jetzt kommt Bewegung in die Baumtapete. Schemenhaft zeichnet sich eine Kuh auf ihr ab. Bald gesellt sich eine weitere dazu und dann noch zwei. Langsam kommen sie näher und nehmen eine nach der anderen Gestalt an. Ein Sack Kraftfutter wird für sie ausgeschüttet. Und eigentlich wäre es nun an der Zeit, mit dem Melken zu beginnen, so wie es jeden Morgen und Abend auf den Azoren gemacht wird.

Doch während die Kühe fressen, entfernen sich die beiden Männer und rufen weiter. Der eine dreht sich noch einmal um und winkt mir zum Abschied. Dann streckt er mir fünf Finger entgegen und zeigt mit der anderen Hand ins Nichts. Fünf Finger für fünf Kühe die noch fehlen. Die irgendwo da im Nebel stehen. Zwischen den Bäumen auf der Tapete. Transparent bis unsichtbar.

„Hey, heyyyyy!“

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Azoren - Insel Pico - Kühe und Berge im Nebel

Lust auf mehr? Dann komm doch noch mit zum Whale Watching auf den Azoren.

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