Paradiesisch: Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg

25. Mai 2016
Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg

Es war mal wieder einer dieser Ach, hier ist das!-Momente, als ich über den Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg stolperte. Natürlich hatte ich schon oft davon gehört. Die Medien berichteten in den vergangenen Jahren immer wieder darüber. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern. Ein Projekt, das weltberühmt geworden ist und unbekannter Weise schon immer meine Sympathie hatte, weil ich Gärtnern im Allgemeinen und urbane Gärten im Besonderen ziemlich dufte finde.

Auf diese Wiese passt nicht mal das dicke Hinterteil der Katze. Egal!
Damit bin ich wohl auch nicht allein, denn wenn ich mich so im Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, scheinen die Leute spätestens mit 30-irgendwas ziemlich pflanzwütig zu werden. Und ich wundere mich beinahe gar nicht mehr, wenn mir wieder einer zuruft „Wir haben jetzt einen Gaaarten!“. Das hat schon fast etwas von einer Epidemie.

Ich selbst hänge seit Jahren in einer Vorstufe fest und betreibe eine Art Guerilla Gardening auf dem Balkon. Überall stehen und hängen Töpfe, in denen Kräuter oder Blumen wachsen. Auf unserer kleinen Dachterrasse in der alten Wohnung haben wir ganze Bauernwiesen in Blumenkästen gequetscht. Sicher keine ganz artgerechte Haltung, fällt mir gerade auf. Aber damals fand ich den Gedanken irgendwie ganz großartig, mehrere Wiesen auf dem Dach zu haben, auch wenn sie nicht einmal dem dicken Hinterteil der Katze genug Platz boten.

Dort wollte ich auch im großen Stil Klatschmohn anbauen. Aber eines morgens fiel mir die Brut von der Türschwelle und landete kopfüber auf dem Boden. Das wars dann. Matschmohn quasi. Nicht mehr zu retten. Dafür versuche ich im Herbst immer zu retten was geht, nämlich die Samen aus den Pflanzen. Da wird gepopelt, was das Zeug hält und ich befinde mich dann über mehrere Stunden in einem Trance-Zustand, der mir nicht nur Saatgut, sondern auch jede Menge Vorfreude aufs nächste Frühjahr bringt.

Dann wird nämlich alles liebevoll wieder unter die Erde gebracht und stündlich überprüft, ob nicht vielleicht schon was zu sehen ist. Das geht so lange, bis sich die ersten zartgrünen Wesen ihren Weg ans Licht bahnen und nach den ersten warmen Tagen alles förmlich explodiert. Plötzlich sind da fertige Pflänzchen und wenige Wochen später steht alles in voller Blüte. Das macht mich nicht nur ein bisschen stolz, sondern auch ziemlich glücklich. Aber zurück zum Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg.

Das Paradies als improvisierte Idylle
Da stand ich also und war mal wieder sofort verknallt in einen Ort, den ich meiner Mini-Sammlung ins Herz geschlossener, urbaner Gartenprojekte hinzufüge. Mit dem Klunkerkranich in Berlin und Frau Gerolds Garten in Zürich ist der Prinzessinnengarten hier in bester Gesellschaft.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb einmal:

„Der Prinzessinnengarten ist genau das, was ein Berliner Paradies ausmachen sollte: improvisierte Idylle.“

Tatsächlich ist der ca. 6000 qm große Garten, der sich direkt am Moritzplatz befindet, genau das. Umzingelt von Häusern und Großstadtlärm, versteckt sich hinter einem Zaun dieses kleine Paradies. Nomadisch Grün mietete 2009 die Fläche, die jahrzehntelang brach lag, vom Liegenschaftsfonds Berlin. Dank vieler Helfer wurde die Brache in einen Nutzgarten verwandelt, in dem über 500 verschiedene Gemüse- und Kräutersorten angebaut werden, darunter auch alte und seltene Sorten. Dazwischen summen die Garten eigenen Bienen herum. Es ist herrlich!

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2012 wäre fast Schluss gewesen, mit der sozialen und ökologischen Landwirtschaft mitten in der Stadt, denn die Fläche sollte den Besitzer wechseln. Durch einen offenen Brief an den Senat und die Unterstützung tausender Menschen konnte die Privatisierung verhindert werden. Aber als hätte das nicht gereicht, ist die Zukunft des Prinzessinnengartens schon wieder bedroht. 2018 wird der jährlich verlängerte Mietvertrag mit der Stadt auslaufen. Ich drücke ganz feste meine – mal mehr, mal weniger – grünen Daumen, dass das Projekt an diesem Ort erneut in die Verlängerung gehen kann.

Ein Garten, in dem jeder mitmachen kann
Egal, ob ihr in Berlin wohnt oder nur zu Besuch seid, schaut dort mal vorbei. In der Saison, die von April bis Oktober geht, steht der Garten allen offen. Dann könnt ihr ihn einfach besuchen und im gemütlichen Gartencafé die Idylle genießen. An den Gartenarbeitstagen, nämlich donnerstags und samstags darf sich aber auch jeder mit einbringen und nach Lust und Laune auf den ausdrücklich nicht privaten Beeten gärtnern, ernten und dann natürlich auch kaufen.

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Eine gute (Zwischen-)Lösung auch für alle, die gern einen eigenen Garten hätten, aber keinen bekommen. Gerade in einer Großstadt ist das ja nicht ganz so einfach. In einem Artikel der Welt von 2015 las ich, dass allein in Berlin 12.000 Menschen auf einen Schrebergarten warten. Vier Jahre dauert es, bis man endlich den Spaten in die Erde rammen und sich austoben kann. Vier! Das ist eine verdammt lange Zeit. Vor allem, weil es vielen auch darum geht, sich bewusster und gesünder zu ernähren und zwar mit eigenem Obst und Gemüse. Bio versteht sich.

Da kommen solche Projekte genau richtig und es ist gut zu wissen, dass im Prinzessinnengarten beim Anbau auf chemische Düngemittel und Pestizide verzichtet wird und sowohl Erde als auch das Saatgut über ein Biozertifikat verfügen. Das Gemüse, welches zum Teil in der Gartengastronomie verwendet wird, wächst übrigens in Kisten oder Reissäcken. Einerseits, weil der Boden versiegelt ist, andererseits, weil der gesamte Garten dadurch mobil bleibt und notfalls jederzeit umziehen könnte. Angesichts der Geschichte des Gartens ein ziemlich schlüssiger Gedanke.

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Mehr als nur Gärtnern: Workshops & Flohmarkt
Ich bin jedenfalls froh, dass ich nun auch endlich mal da gewesen bin, zumal an diesem Nachmittag richtig viel los war, mit einem großen Pflanzenmarkt, Tausch- und Pikierstation für Pflanzen, Upcycling und Mini-Workshops, beispielsweise zum Waste Cooking.

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Verschiedene Workshops gibt es übrigens regelmäßig und jeden zweiten Sonntag ist Flohmarkt. Also noch ein guter Grund, dort mal über die Hecke zu gucken. Und wer sich dringend einen Hundewelpen und doppelten Espresso wünscht, schnappt sich das nächste Kleinkind und folgt den Anweisungen auf dem Schild. Viel Erfolg bei diesem verwegenen Unterfangen.

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Adresse:
Prinzenstr. 35-38/Prinzessinnenstr. 15, 10969 Berlin

So kommt ihr hin:
U-Bahn Linie 8 bis Moritzplatz

Öffnungszeiten:
Garten: täglich ab 10 Uhr (außer bei richtig schlechtem Wetter)
Café: täglich ab 12 Uhr (an Flohmarkt-Sonntagen ab 11 Uhr)
Gartenarbeitstage: donnerstags 15 bis 18 Uhr und samstags 11 bis 14 Uhr
Website: http://prinzessinnengarten.net

Noch mehr Gartenprojekte
Der Prinzessinnengarten in Berlin Kreuzberg ist längst nicht das einzige Projekt dieser Art in der Stadt. Eine Übersicht mit 10 weiteren Gärten in der Hauptstadt findet ihr auf Mit Vergnügen.

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