Oman: Ziegenmarkt in Nizwa

14. Januar 2016
lumorgenstern_oman1

Es ist Freitag im Sultanat Oman. Genau genommen ist es der 25. Dezember 2015. 7.30 Uhr sagt die Uhr, während die Sonne gerade ihre Strahlen über das Hadschar-Gebirge streckt und uns zuzwinkert. Wir sitzen schon im Auto. Rollen fröhlich durch den Morgen und steuern auf den gut ausgebauten Straßen erwartungsvoll auf das Stadtzentrum und den Ziegenmarkt zu, der heute – wie jeden Freitag – in Nizwa, dem Zentrum des omanischen Kernlandes, stattfindet. Ein Spektakel, das wir uns nicht entgehen lassen wollen, während anderswo Freunde und Familie ganz sicher noch in ihren Betten liegen und später Weihnachten feiern. Aber das mit Weihnachten ist eine andere Geschichte. Jetzt soll es um Tiere gehen.

lumorgenstern_oman2

Eine rote Ampel unterbricht unsere Fahrt für einen Moment und ich kann das Schmunzeln nicht verhindern, das sich gerade auf meinem Gesicht breit macht. Nicht etwa wegen den neuesten Nachrichten, die uns das Autoradio auf Arabisch entgegen hustet. Sondern wegen der Szene, die sich vor uns abspielt: Ein junger Mann in seiner traditionellen weißen dishdasha (so heißt das lange Gewand, das die Männer hier in der Regel tragen) und seiner Kappe auf dem Kopf versucht nur ein paar Meter entfernt, seine rotblonde und recht zottelige Begleiterin an ihrer Leine zum Überqueren der Fußgängerampel zu bewegen. Schieben, ziehen, gut zureden, schimpfen und wieder ziehen. Er hat es gar nicht mehr so weit bis zum Souq, aber seine störrische Ziege scheint nicht das geringste Interesse zu haben, als Objekt der Begierde einer Auktion beizuwohnen. Laut meckernd geht es einen halben Schritt vorwärts und zwei Schritte zurück. Ein kleiner Moment, in dem Fortschritt und Tradition miteinander verschmelzen, für uns greifbar werden und einen schönen Auftakt bilden für das, was gleich folgen wird.

Doch erst einmal müssen wir einen Parkplatz finden und das scheint auf den ersten Blick eine ebenso große Herausforderung zu werden, denn der Bereich um den Souq ist ein einziges Gewusel aus Tieren und Menschen. Wie wir suchen viele verzweifelt noch nach einem Stellplatz für ihr Auto und zwar in der Nähe, denn weite Strecken zu Fuß zu gehen, ist hier nicht so angesagt. Wir haben Glück und finden einen, dann stürzen wir uns ins Getümmel aus Einheimischen, die sich ein gutes Geschäft mit ihren Ziegen oder Bullen, Kühen und Kälbchen erhoffen, die ebenfalls geduldig in der Morgensonne stehen oder liegen und auf einen neuen Besitzer warten.

lumorgenstern_oman3

lumorgenstern_oman4

Die noch kühle Luft ist angefüllt mit arabischem Gemurmel, das sich immer deutlicher zu Stimmen und Rufen der Männer, Frauen und Kinder formt, je näher wir kommen, und sich mit Tierlauten und Huftritten vermischt. Während am Rande des Geschehens alles ganz ruhig und gemächlich zugeht und hier und da ein Schwätzchen gehalten wird, ist es zur Mitte des Platzes hin hektischer. Es wird geschoben und gedrängelt, das Stimmengewirr nimmt weiter zu. Wir stehen dicht an dicht, denn natürlich will jeder einen guten Platz erhaschen und die Tiere sehen, die gerade lautstark zum Kauf angeboten werden.

lumorgenstern_oman6

lumorgenstern_oman5

lumorgenstern_oman7

Mehrere Männer laufen mit ihrem Tier im Kreis, haben es notfalls über die Schulter geworfen, und rufen den Startpreis aus.

20 Rial für dieses Prachtexemplar von einer Ziege!

Alle rücken gleichzeitig noch näher zusammen und gemeinsam einen weiteren Schritt nach vorn. Die potentiellen Käufer streicheln den Tieren durchs Fell, prüfen die Statur. Wenn die Ware gefällt, rufen sie dem Verkäufer ihr Angebot zu und der Preis erhöht sich entsprechend, bevor die nächste Runde gedreht und bis ein akzeptabler Erlös erzielt wird. Manch einer scheint schon müde zu sein, von so vielen Freitagen und auch Ziegen.

lumorgenstern_oman9

lumorgenstern_oman8

lumorgenstern_oman10

Matze hatte zwischendurch noch eine Hand frei und hat ein kurzes Handyvideo gemacht. Das find ich super, denn so bekommt man einen noch besseren Eindruck, wie es auf dem Markt zuging. Also Ton an und Film ab!

 

Wir sind übrigens nicht die einzigen Touristen in dieser Episode aus 1001 Nacht. Egal, wo ich hinschaue, immer wieder sehe ich teure Kameras und dicke Objektive, die ebenfalls versuchen, dieses Erlebnis bestmöglich zu konservieren. Und so wie wir das für uns Exotische bestaunen, ist es auch umgekehrt. Ein Paar hübscher schwarzer Augen, mit langen Wimpern schaut immer wieder zu mir auf, während ich da stehe und mit meiner knallroten Kamera Fotos mache, von Männern, die auf Ziegen starren. Ein kleiner Junge, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, ebenfalls in traditionelle Kleidung gehüllt. Schüchtern blickt er stets schnell weg, wenn sich unsere Blicke treffen. Nach ein paar Anläufen ist das Eis jedoch gebrochen und ich bekomme ein strahlendes Lächeln zurück. Nicht das letzte, das ich in Oman ernten werde.

lumorgenstern_oman11

Da die Ziegen nur ein Teil dessen sind, was heute in Nizwa über den Ladentisch geht, ziehen wir weiter. Und beobachten, wie nebenan u. a. Vögel und Hasen angeboten werden, wobei bei letzteren wohl noch Klärungsbedarf bezüglich des Geschlechts herrscht. Ein paar Meter weiter gibt es frisches Obst und Gemüse, Gewürze, Tücher, Haushaltswaren, aber auch Waffen und Krummdolche, die nicht nur zu festlichen Anlässen getragen werden. Hier und da wird direkt an der Straße omanischer, mit Kardamom verfeinerter Kaffee gereicht. Dazu gibt es die eine oder andere Dattel. Es ist nicht untypisch, dass man dazu eingeladen wird und es gibt eigentlich keine entschuldbare Ausrede, einer solchen Einladung nicht zu folgen.

lumorgenstern_oman12

lumorgenstern_oman13

Du willst wissen, was ich im Oman noch alles erlebt habe? Dann folge mir auf Facebook, Twitter und Instagram und du erfährst sofort, wenn es eine neue Geschichte gibt.

You Might Also Like

9 Comments

  • Reply Trixie 14. Januar 2016 at 23:23

    Liebste Lu,
    wenn ich die Augen schließe, kann ich es mir genau vorstellen – die Morgensonne auf der Haut, den Rest der frischen Nachtluft, die Stimmen und Rufe, den Geruch von Ziege und Kardamom – ein wohliges Fernweh breitet sich in jeder Faser aus. Hab vielen, vielen Dank für diesen wunderbaren, komischen, genauen und gefühlvollen Einblick in ein schönes Märchen aus 1001 Nacht.

    Ich freue mich auf mehr! Viel mehr!
    Trixie

    • Reply Lu 15. Januar 2016 at 8:19

      Liebe Trixie,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass dir die Geschichte so gut gefallen hat und werde für Nachschub sorgen. Ganz bald.
      Liebe Grüße
      Lu

  • Reply Alexandra 28. Februar 2016 at 10:32

    Ein wunderschöner Blog, den ich durch die Aktion „Schreib mal wieder!“ entdeckt habe! Traumhafte Geschichten, die mich an den Ort des Geschehens transportieren und alles miterleben und mitfühlen lassen! LG, Alexandra

    • Reply Lu 28. Februar 2016 at 11:35

      Hallo Alexandra,
      danke für deinen Kommentar – der erste im Rahmen der Aktion. :)
      Freut mich, dass es dir hier gefällt und ich hoffe, du kommst mal wieder vorbei.
      LG Lu

  • Reply Julia 28. Februar 2016 at 15:45

    Tolle Fotos, tolle Einblicke in das Alltagsleben. Ein schöner Artikel!

    Lg Julia

    • Reply Lu 28. Februar 2016 at 15:53

      Hi Julia, vielen Dank für´s Vorbeikommen und deinen Kommentar! LG Lu

  • Reply Janine 28. Februar 2016 at 21:04

    Wow…was für schöne Bilder.
    Eine ganz andere Welt. Danke fürs eintauchen lassen.
    Ich habe mir gerade auch schon deinen Artikel über Weihnachten im Oman durchgelesen. Ich mag deine Art zu schreiben..und deine Fotos sind auch klasse. :-)
    Und jetzt schaue ich mal noch weiter…
    LG Janine

    • Reply Lu 29. Februar 2016 at 8:08

      Danke schön, Janine! Ich würd mich freuen, wenn du öfter mal vorbei kommst. Liebe Grüße Lu

  • Reply Genussstücke im Februar 8. März 2016 at 7:18

    […] Freitag ist in Nizwa Ziegenmarkt und Lu hat ihn während ihrer Omanreise besucht. Auf diesem traditionellen Markt werden nicht nur […]

  • Leave a Reply

    Inline
    Inline