Yangshuo in China: Mit Alice durchs Wunderland

2. Dezember 2017
Yangshuo in China

Wie magisch manche Orte doch sind. Einnehmend, betörend schön und irgendwie unwirklich. Mir fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Vor lauter Staunen steht der Mund offen. Aber es kommt nichts raus. Ich bin überwältigt. War es schon im Zug. Der Sonnenuntergang treibt das Ganze auf den Gipfel. Mit der Nase klebe ich am Fenster des Busses. Schaue nach draußen. Der Mund noch immer offen.

Willkommen in Yangshuo

Wir sind in Yangshuo, im Süden Chinas, angekommen. Und der Grund, warum ich gerade gar nicht klar komme, sind Berge. Karstberge so weit das Auge reicht. Sie sehen aus wie Zuckerhüte.

Anmutig stehen sie vor dem staunenden Touristen. Vor vielen Millionen Jahren war all das noch nicht sichtbar, weil Teil des Ozeans. Fing an, dort am Boden zu wachsen. Über lange Zeit. Eines Tages dann – ich mache es hier kurz – traf der indische Subkontinent auf Asien. Es hätte nicht besser kommen können.

Denn nicht nur das Himalaya-Gebirge faltete sich dadurch auf. Auch hier an diesem Ort in China reckte sich das Gestein aus dem Meer und wurde zu Festland. Wind und Wetter machten sich bald eifrig an die Arbeit. Wie Steinmetze hämmerten sie hier ein bisschen herum, wischten und spülten dort etwas weg. Eines der größten zusammenhängenden Karstgebiete weltweit entstand. Die Erosion vollbrachte auf einer recht ansehnlichen Fläche etwas Großartiges und Eigenwilliges. Ein Magnet für Liebhaber bizarrer Naturwunder. Ich bin einer von ihnen.

No Bike – No Yangshuo

Ihr persönliches Wunder erleben viele Besucher auf dem Wasser. Werden doch extra mehrstündige Fahrten auf Bambusflößen angeboten. Eine beliebte Route verläuft von Guilin nach Yangshuo, wo die Mensch gewordene Verzückung immer auf dem Li Jiang entlang treibt.

Andere erobern auf dem Fahrrad die unzähligen Berge und Dörfer rund um Yangshuo. So wie wir. Denn Yangshuo zu verlassen, ohne Fahrrad gefahren zu sein, ist ein Ding der Unmöglichkeit. „No Bike – No Yangshuo“. Das sagt man hier und so stand es auf unserer Landkarte geschrieben. Sicher hatte ein Marketingmensch seine Finger im Spiel. Aber verdammt – es ist was dran! Der Mensch braucht ein Fahrrad an diesem Fleckchen der Welt. Und es wurde dafür gesorgt, dass es genügend davon gibt. Räder wachsen hier quasi auf den Bäumen. Du musst dir nur eins pflücken und dein Abenteuer kann beginnen.

 

Dieses Gefühl von Freiheit

Mein Fahrrad heißt Alice. Es hat keine Gangschaltung, kein Licht. Dafür gehört es mir, für nur 3 Euro am Tag. Morgens steige ich vor dem Hotel drauf. Abends wieder runter. Zwischendrin fahre ich einfach. Denn die Umgebung ist so traumhaft schön, dass ich die ganze Zeit da drin sein und ein Teil von ihr werden will.

Ein Teil von den Bergen, die das Gesicht dieser Region prägen und so unwirklich anmuten. Ich kann den Blick nicht von ihnen lassen und möchte am liebsten jeden einzelnen gesehen haben. Auch ein Teil vom Fluss, der sich hier täglich an mir vorbei windet. Der endlos viele Flöße davon trägt, mit Touristen drauf, die vergnügt oder still das alles in sich aufsaugen. Nach jeder Kurve und jeder Flussbiegung sieht die Landschaft anders aus. Noch schöner, noch spektakulärer. Man kapiert das nur schwer.

Auch möchte ich ein Teil der endlosen Reisfelder, Obstplantagen und kleinen Dörfer werden, durch die wir fahren. Wo wir Wasserbüffel und Bauern sehen. An deren Rändern Chilischoten unbekümmert wachsen und Pomelos einen lieblichen Duft verbreiten. Wir halten an, so oft es geht. Pflücken Früchte von Bäumen. Atmen. Staunen. Fühlen uns frei. Dafür ist dieser Ort gemacht und wir wehren uns nicht, sind sowieso machtlos dagegen. Schnell haben wir die Region in unsere Herzen geschlossen. Und auch die Menschen hier. Es ging ganz einfach und von allein.

Und ich liebe Alice. Denn Alice bringt mich überall hin. Alice beschert mir Fahrtwind, der mir durchs Haar und um die Nase weht. Alice macht mir gute Laune und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, das schon fast weh tut. Ich fühle mich so gut, wie schon lange nicht mehr. Ich habe das Fahrradfahren vermisst. Auch wenn die Umstände nicht die günstigsten sind. In vielen Momenten frage ich mich, warum wir ausgerechnet in einer Art Großraumsauna herumfahren müssen. Es ist verdammt schweißtreibend. Aber wen kann das stören, wenn er das Gefühl von Freiheit mit sich führt. Es sitzt dir auf den Schultern und treibt dich an. Länger fahren. Noch weiter. Noch um die nächste Flussbiegung und vielleicht noch die dahinter.

Lust auf noch mehr China?

Dann lies noch meine Geschichte über S. und die Begegnung mit dem Dingsbums am Morgen. Auf keinen Fall solltest du dir die Merkwürdigkeiten aus dem Reich der Mitte entgehen lassen. Wenn du vor hast, selbst dorthin zu reisen, dann nimm doch auch noch meine Tipps für deine Reise nach China und Hongkong mit.

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4 Comments

  • Reply Lenke 2. Dezember 2017 at 22:01

    Also im Moment, wo draußen gerade die erste Winterkälte durchs Land pfeift und mir den ersten Schnupfen in diesem bald zu Ende gehenden Jahr beschert, wäre ich viel lieber dort in dieser Großraumsauna. Aber nicht nur deswegen. Dass einem dort die Augen und das Herz übergehen beim Anblick der seltsamen Berge, des Flusses, der Wiesen und Felder – gut nachvollziehbar. Und es weckt Sehnsucht.
    Liebe Grüße

    • Reply Lu 3. Dezember 2017 at 0:14

      Gerade wäre ich auch lieber dort, als hier in der Kälte. Weil Sehnsucht habe ich auch direkt wieder bekommen. Aber man kann es sich ja nicht immer aussuchen, wo man gerade zu sein hat. Leider.

  • Reply ulla 5. Dezember 2017 at 18:23

    liebe lu,
    danke, dass du mich auf deine tour durch’s wunderland mitgenommen hast. allein die fotos sind schon faszinierend. mich verblüfft immer wieder, welche spannenden landschaften ihr fernab vom massentourismus entdeckt. freue mich schon auf deinen nächsten bericht. herzliche grüße ulla

    • Reply Lu 5. Dezember 2017 at 19:19

      Hallo liebe Ulla,
      freut mich sehr, dass es dir im Wunderland gefallen hat! Ich bin selbst auch immer wieder verblüfft, wie schön es doch überall ist. Manchmal kann ichs gar nicht fassen.
      Liebe Grüße
      Lu

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