Wal- und Delfinbeobachtung – das solltest du wissen

8. Juli 2017
Wal- und Delfinbeobachtung © Charlie Phillips

Im Mai habe ich auf der Azoreninsel Pico an zwei Touren zur Wal- und Delfinbeobachtung teilgenommen. Dieses Erlebnis hat mich sehr berührt und wird mir ganz sicher für immer in Erinnerung bleiben. Aber nicht nur das. Es hat auch Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel ob es für die Tiere überhaupt gut ist, wenn immer mehr Menschen sie sehen wollen. Oder – für den Fall, dass ich so etwas noch einmal machen möchte, was ziemlich wahrscheinlich ist – worauf ich dann noch stärker achten sollte. Denn von einigen Walarten gibt es bereits heute nur noch wenige Individuen. Allein die Vorstellung, dass diese oder auch andere Arten für immer von unserem Planeten verschwinden könnten, finde ich unfassbar traurig.

Und weil Wale bereits mit genügend anderen Bedrohungen zu kämpfen haben, sollten wir sie nicht noch zusätzlich durch derartige Touren gefährden. Deshalb ist es wichtig, gut informiert ins Abenteuer Walbeobachtung zu starten. Denn Wale sind auf unseren Schutz angewiesen und aus diesem Grund darf nicht unser Vergnügen im Fokus stehen. Vielmehr sollte es der verantwortungsbewusste Umgang mit den Meeressäugern sein.

Um zu erfahren, wie Whale Watching denn nun richtig geht und auf der Suche nach Antworten auf weitere Fragen rund um das Thema Wale und deren Beobachtung, dachte ich mir, warum nicht einfach Experten fragen! Das habe ich gemacht und bin beim WDC (Whale and Dolphin Conservation) auf offene Ohren und tatkräftige Unterstützung gestoßen. Was ich alles wissen wollte und wie die Antworten ausgefallen sind, erfährst du im nachfolgenden Interview. Ganz unten gibt es außerdem noch einen Link zum kostenlosen WDC-Ratgeber „Verantwortungsbewusste Wal- und Delfinbeobachtung“, in dem du jede Menge Infos und tolle Tipps für Hotspots zur Walbeobachtung auf der ganzen Welt bekommst.

Blauwal © WDC, Michaela Harfst

Blauwal © WDC, Michaela Harfst


Whale Watching erfreut sich wachsender Beliebtheit. Wie viele Menschen nehmen denn in etwa jährlich an solchen Walbeobachtungstouren teil? Könnt ihr mir etwas zu den Entwicklungen sagen?
Im Jahr 2008 nahmen mehr als 13 Millionen Menschen in ca. 120 Ländern an einer Tour zur Wal- und Delfinbeobachtung teil und generierten damit 2,1 Milliarden US Dollar Umsatz. Dies ist die bisher letzte detaillierte globale Auswertung.

Wie viel „Wal-Tourismus“ vertragen Wale? Ist Wal- und Delfinbeobachtung per se schlecht und sollte besser vermieden werden? Oder kann es sogar einen Beitrag zum Schutz der Tiere leisten und wenn ja, inwiefern?
Hier kommt es natürlich stark auf die „Dosierung“ sowie die Durchführung an. Im Fall von Walbeobachtung bezieht sich das auf die Anzahl der Boote und die Frequentierung der Touren. Durch gute Bildungsarbeit an Bord, durch einen Meeresbiologen oder qualifizierten Guide, können die Gäste einerseits viel über die Meeressäuger und ihren Lebensraum lernen. Andererseits werden sie über Umweltprobleme sowie Schutzmaßnahmen informiert. Auch ist es wichtig, dass Wal- und Delfinbeobachtungsanbieter Forschern eine Plattform auf ihren Booten bieten und so wichtige Forschungsarbeit unterstützen, denn dies ist die Grundlage für Schutzmaßnahmen.

Gibt es Gesetze oder so etwas wie Verhaltensregeln, an die sich Anbieter von Walbeobachtungstouren halten müssen?
In einigen Ländern gibt es Gesetze, in anderen freiwillige Richtlinien. In manchen Gebieten fehlen leider Regularien für die Wal-und Delfinbeobachtung komplett. Oft stellt auch die Überwachung und Durchsetzung der Regularien ein Problem dar.

Pilotwal © Ulla Ludewig


Worauf sollten meine Leser achten, wenn sie eine Tour machen wollen? Gibt es Unterschiede zwischen Anbietern? Was macht aus Sicht eurer Organisation eine gute Walbeobachtungstour und einen verantwortungsbewussten Anbieter aus? Wie lässt sich herausfinden, ob man es mit so einem zu tun hat?
Bevor man eine Tour bucht ist es ratsam, sich auf der Website der Anbieter umzusehen, deren Informationsbroschüren zu bestellen oder vor Ort anzuschauen. Einen verantwortungsbewussten Anbieter von Touren zur Wal- und Delfinbeobachtung erkennt man vor allem daran, dass er das Wohl der Meeressäuger in den Vordergrund stellt. Anzeichen hierfür sind, dass vorhandene Gesetze oder Richtlinien auf der Website des Anbieters zu finden sind, dass ein Experte (Meeresbiologe, zumindest aber ausgebildeter Guide) an Bord ist, oder dass sich der Veranstalter zum Beispiel an Forschungsprojekten beteiligt bzw. mit einer Wal- und Delfinschutzorganisation zusammen arbeitet.

[Weitere Informationen zu diesem Thema findest du im WDC-Ratgeber und den Link dorthin unter dem Interview.]

Wann ist die beste Zeit, um Wale zu beobachten? Gibt es so etwas wie eine Saison?
Die Saison ist von Region zu Region und Art zu Art unterschiedlich. Es gibt Regionen, in denen man ganzjährig in den Genuss kommt, Wale und Delfine beobachten zu können, da es dort residente Populationen gibt und/oder die klimatischen Verhältnisse es erlauben. Ein Beispiel sind die Gewässer der Kanarischen Inseln vor Teneriffa und La Gomera. Dort leben ganzjährig Indische Grindwale, Große Tümmler sowie Zügeldelfine. Andere Arten ziehen vorbei, beispielsweise Großwale meist im Frühjahr. Grau- und Buckelwale z. B. sind wandernde Arten, diese kann man auf ihren Wanderungen saisonal an verschiedenen Orten sehen. Grauwale etwa an der Westküste der USA und Kanadas oder Buckelwale an der Ostküste Australiens oder auch der USA.

Springender Buckelwal © Ulla Ludewig


Was sind eurer Meinung nach die drei besten Spots für Wal- und Delfinbeobachtung weltweit und was zeichnet sie aus?
Das hängt in erster Linie davon ab, was man sehen bzw. erleben möchte. Eine generelle Empfehlung ist schwierig. Aus persönlicher Erfahrung würde ich hier folgende drei Orte favorisieren:

La Gomera/Kanarische Inseln: Hier gibt es maximal fünf bis sechs Boote, die zu den Meeressäugern rausfahren, während es vor der Südwestküste Teneriffas allein ca. 30 Anbieter gibt. Die Gewässer vor La Gomera haben eine sehr hohe Artenvielfalt. Hier wurden bereits 23 der weltweit bekannten ca. 87 Wal- und Delfinarten gesichtet.

Vancouver Island (Norden)/Kanada: Während sich viele Wal- und Delfinbeobachtungsanbieter und auch Touristen auf den Süden von Vancouver Island konzentrieren, kann man im Norden der Insel die Nördlichen Ortstreuen Schwertwale in Ruhe beobachten. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Süden ist die Population mit über 200 Mitgliedern stabil. Außerdem hat die Anzahl der Buckelwale dort in den letzten Jahren wieder stark zugenommen und man kann Schweinswalen und Weißstreifendelfinen begegnen. Hier leben auch die WDC-Paten-Orcas Uma und Current.

Western Cape/Südafrika: Südliche Glattwale, auch Südkaper genannt, Buckelwale sowie Brydewale tummeln sich zwischen Juni und Dezember in den Gewässern vor Südafrika. Große Tümmler und Indopazifische Buckeldelfine sind ganzjährig im Gebiet zu finden, Sichtungen sind im Sommer jedoch am häufigsten. Startpunkte für Touren und hervorragende Landbeobachtungsmöglichkeiten findet man in den kleinen Orten Hermanus, Gansbaai, Kleinbaai und Plettenberg Bay.

Fleckendelfin, La Gomera © WDC, Michaela Harfst

© Charlie Phillips


Muss man zwingend ins Ausland fahren oder sogar um die halbe Welt fliegen, um Wale sehen
zu können oder geht das vielleicht auch in Deutschland?
Was viele nicht wissen: Wir haben in Deutschland einen heimischen Wal, den Schweinswal. Diese kleine, recht scheue Art kann man mit etwas Glück z. B. vor Sylt, Amrum, Fehmarn oder in der Eckernförder Bucht beobachten. Feste Bootstouren werden nur sporadisch in der Ostsee (etwa von Flensburg aus) angeboten, aber man kann die Tiere durchaus bei einem Segelausflug oder auch von Land aus entdecken.

Es soll Menschen geben, die absolut nicht seetauglich sind und deshalb einfach nicht aufs Meer fahren können. Haben die überhaupt eine Chance, jemals Wale zu sehen?
Ja, auf jeden Fall! Es gibt weltweit viele fantastische Plätze, um die Meeressäuger auch von Land aus zu beobachten. Unsere WDC-Patendelfine zum Beispiel kann man in Schottland in der Nähe von Inverness im Sommer recht regelmäßig an einem Platz namens „Chanonry Point“ beobachten. Weitere Hotspots für die Landbeobachtung sind zum Beispiel Byron Bay und North Stradbroke Island an der Ostküste Australiens oder San Juan Island an der Westküste der USA. Hier kann man vom Lime Kiln Point State Park aus Mitglieder der vom Aussterben bedrohten Population der Southern Resident Schwertwale regelmäßig vorbeiziehen sehen. In Südafrika im kleinen Ort Hermanus nahe Kapstadt gibt es sogar einen „Wal-Rufer“, der die Menschen darauf aufmerksam macht, wenn gerade mal wieder Südliche Glattwale direkt am Hafen vorbeischwimmen.

Orcas von Land aus © Ulla Ludewig


In Island, Japan, Norwegen und auf den Färöer-Inseln werden auch heute noch Wale gefangen, obwohl die Internationale Walfangkommission (IWC) 1986 ein weltweites kommerzielles Fangverbot erlassen hat. Wie gefährdet sind Wale heute noch durch Walfang und wovon sind sie außerdem bedroht?
Walfang ist grausam, inhuman und heutzutage völlig unnötig. Die Nachfrage nach Walfleisch sinkt und es ist wahrscheinlich, dass die verschiedenen Walpopulationen eine Bejagung im großen Stil, zusätzlich zu den anderen Gefahren wie Umweltverschmutzung, Schiffskollisionen und Klimawandel, nicht überstehen könnten. Trotz des kommerziellen Walfangverbots und eines Verbots des Handels mit Walprodukten töten Japan, Norwegen und Island jedes Jahr immer noch Tausende Wale. Sie versuchen, ihren Handel mit Walprodukten auszuweiten und das international geltende Walfangmoratorium zu kippen.

Falls dieses Walfangverbot aufgehoben werden sollte, würde weiteren Staaten die Türe zur kommerziellen Wal-Jagd geöffnet werden. Für den Schutz der Wale wäre das fatal. Der kommerzielle Walfang hat schon einmal fast zu Ausrottung vieler Walarten geführt und einige Arten, wie der Nordatlantische Glattwal, kämpfen deshalb auch heute noch ums Überleben. Auf den Färöer Inseln wird Jagd auf sogenannte Kleinwale (Pilotwale und andere Delfinarten) gemacht, deren Fang leider nicht durch die Internationale Walfangkommission geregelt wird. Doch aus Tier- und Artenschutzgründen sollten auch diese Jagden beendet werden. Zudem ist das Fleisch der Pilotwale und vieler Kleinwalarten stark mit Schadstoffen wie Quecksilber belastet, weshalb der Konsum eine Gesundheitsgefahr für den Menschen darstellt.

Fleckendelfin Schule © WDC, Michaela Harfst


Gibt es Arten, die besonders gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht sind? Wie lässt sich insgesamt zum Schutz von Walen beitragen? Gibt es Dinge, die jeder einzelne von uns tun kann?
Während sich einige Wal- und Delfinarten in den letzten Jahren wieder gut erholt haben und ihre Bestände steigen, sind andere (weiterhin oder neuerdings) vom Aussterben bedroht. Hierzu zählen zum Beispiel die Schweinswal-Population in der zentralen Ostsee (nur noch wenige hundert Individuen), der Kalifornische Schweinswal (Vaquita, nur noch ca. 30 Individuen), der Nordatlantische Glattwal (unter 500 Individuen) oder auch der Maui-Delfin in Neuseeland (noch ca. 50 Individuen).

Wal- und Delfinschutz steht und fällt mit dem Schutz ihres natürlichen Lebensraums, den Weltmeeren. Die Bedrohungen für die Meeressäuger sind vielfältig: die Verschmutzung der Ozeane durch Schadstoffe und Plastikmüll, der zunehmende Schiffsverkehr (Lärm und Kollisionen) und die Lärmbelastung (Schifffahrt, seismische Untersuchungen, Militärsonare, etc.). Hinzu kommt die Überfischung der Meere. Sie führt zu Nahrungsknappheit und kostet vielen Meeressäugern das Leben, weil sie sich in Fischereigerät verfangen oder als Beifang in den großen Netzen landen.

Jeder einzelne von uns kann zum Schutz der Weltmeere beitragen – zum Beispiel durch Vermeidung von Einwegplastik. Außerdem kann man unsere Projekte unterstützen, mit denen wir direkt den Schutz von Walen und Delfinen ermöglichen.

Zügeldelfin, Teneriffa © Ulla Ludewig


Was sind eure Anliegen als Organisation und wie setzt ihr euch konkret dafür ein?
WDC ist eine global agierende Organisation, die sich ausschließlich dem Schutz von Walen und Delfinen und deren Lebensraum widmet. Unsere Vision ist „Eine Welt, in der alle Wale und Delfine in Freiheit und Sicherheit leben“. Daher setzen wir uns dafür ein, dass Walfang und Beifang gestoppt werden, Delfinarien geschlossen werden, Meeresschutzgebiete eingerichtet werden und Rechte von Walen und Delfinen anerkannt werden. Dies geschieht durch gezielte Kampagnen, der Durchführung bzw. Unterstützung von Forschungs- und Schutzprojekten sowie durch umfangreiche Bildungsarbeit.

WDC-Team, Gomera © WDC, Michaela-Harfst


Weitere Informationen & kostenloser Ratgeber zur Wal- und Delfinbeobachtung
Viele weitere Informationen findest du auf der WDC-Website. Dort kannst du dir außerdem den kostenlosen WDC-Ratgeber „Verantwortungsbewusste Wal- und Delfinbeobachtung“ herunterladen. In diesem bekommst du u. a. übersichtlich aufbereitete Infos zu zahlreichen Hotspots für Walbeobachtung weltweit. Der Ratgeber gibt Auskunft, welche Möglichkeiten zur Beobachtung du dort hast, welche Arten du sehen kannst und wann die besten Beobachtungszeiträume sind.

Danke!
An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankschön an das Team von WDC Deutschland! Ganz besonders an die Whale Watching Expertin Ulla Ludewig, die sich die Zeit genommen hat, meine vielen Fragen zu beantworten. Aber auch an den Meeresbiologen Fabian Ritter und nicht zuletzt an Michaela Harfst, die alles koordiniert hat.

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Fotocredits: Titelbild © Charlie Phillips/alle anderen Bilder wie angegeben

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Whale Watching: Was du darüber wissen solltest und Tipps für Hotspots weltweit

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2 Comments

  • Reply Lisa 12. Oktober 2017 at 21:09

    Liebe Lu, ein tolles Thema hast du da aufgegriffen! Ich habe mich das gleiche auch schon gefragt. Wir haben uns auf Sansibar sehr sehr schlecht gefühlt, als wir Delfinen mit Booten quasi „hinterhergejagt“ sind. Da hatte ich ein richtig schlechtes Gewissen!! Nächste Woche in Südafrika werden wir hoffentlich das Glück haben, Wale vom Ufer aus zu sehen 😃! Danke für den aufschlussreichen Artikel! Liebe Grüße, Lisa

    • Reply Lu 13. Oktober 2017 at 11:35

      Liebe Lisa,
      wir waren echt froh, dass unsere Tour ohne schlechtes Gewissen ablief. Hinterher hab ich mich aber trotzdem gefragt, ob es noch besser gehen könnte und dann kam eine Frage nach der anderen auf. :) Wale vom Ufer aus zu beobachten, ist ja definitiv die beste Variante für die Tiere und deshalb drück ich euch die Daumen, dass es in Südafrika klappt. Eine schöne Reise euch!
      Liebe Grüße
      Lu

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