Von der Psychologie des Verkaufens und Schnell-Adoptionen

15. Oktober 2013

Ab heute ist Urlaub. Urlaub auf den Kapverden. Endlich. Noch todmüde von der Reise lassen wir uns jedoch kaum Zeit zum verschnaufen. Wir wollen raus und die fremde Welt erkunden. Um zu erfahren, was hier wo ist und wie funktioniert, haben wir schon in Deutschland eine Stadtführung gebucht. Und die beginnt gleich nach dem Frühstück. Also jetzt. Als wir aus dem Hotel kommen, erwartet uns bereits Eddie, ein junger Einheimischer, der für die nächsten zwei Stunden unser Guide sein wird.

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Unser Weg führt vorbei an Hotelburgen. Die einen aus längst vergangenen Zeiten, marode und verlassen. Die anderen nagelneu und bereits von Touristen in Beschlag genommen. Wir laufen lange. Am herrlichen Strand entlang. Weiter und noch weiter, zum Pier, wo die Fischer ihren Fang präsentieren und ihre bunten Boote fröhlich auf den Wellen schaukeln.

Während wir laufen, erzählt Eddie jede Menge Geschichten und wissenswerte Dinge über die Kapverden, ihre Bewohner und Santa Maria. Er zeigt und erklärt uns alles: Wo gibt es abends gute Livemusik, wo kann man essen gehen, wo Geld tauschen, wo im Internet surfen, wo kommen die Chinesen her und alles was sonst noch von Interesse sein könnte. Beim Bummel durch den Ort, vergeht kaum eine Minute, in der Eddie nicht von jemandem gegrüßt oder angehupt wird. Die Zeit mit ihm vergeht wie im Flug und weil die Mittagshitze kaum noch auszuhalten ist, beschließen wir unsere Ortsbegehung in Eddies Lieblingsfrühstücksmittagsabendlokal bei einem erfrischenden Getränk ausklingen zu lassen.

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Da unsere Zeit mit Eddie für heute um ist, trennen sich unsere Wege am Pier. Doch bevor wir zum Hotel gehen, wollen wir noch einmal zurück in den Ort, um uns mit ausreichend Trinkwasser einzudecken. Besonders weit kommen wir allerdings nicht. Bereits nach ein paar Metern spricht uns ein junger Mann an. Er fragt wie es uns geht und woher wir kommen. Das ist ja erst mal ganz nett. Wir wollen nicht unhöflich sein, grüßen zurück und geben bereitwillig Auskunft. Nicht die beste Idee, wie sich direkt herausstellt. Ehe wir uns versehen, sind wir in ein Gespräch verwickelt und finden uns wenig später in einer psychologisch ausgeklügelten Verkaufsveranstaltung wieder. So fühlt es sich also an, wenn man einem senegalesischen Einwanderer auf den Leim geht.

Er will uns unbedingt seinen Laden zeigen. Nur ein paar Meter, ist auch nicht weit, nur mal kurz. Die gute Erziehung meldet sich zu Wort, stellt sich wie so oft jedoch als äußerst kontraproduktiv heraus. Wir trotten ihm hinterher und landen ein paar Straßen weiter in einem stickigen, kleinen Raum ohne Fenster und vollgestopft bis unter die Decke. Alles original. Ganz klar. Nur sicher nicht von hier. Wir schauen uns um. Masken, Elefanten, Schildkröten und andere Figuren aus Holz starren zurück, auf uns, auf ihre potenziellen neuen Besitzer. Scheint ganz so, als hätten sie uns erwartet. Aber ihre Blicke können sie sich sparen. Bei uns wartet kein liebevolles, neues zu Hause auf sie. In irgendwelchen heimischen Kisten sind bereits Verwandte von ihnen untergebracht. Für weitere ist kein Platz. Ende der stummen Nippes-Diskussion.

Der Senegalese hat da ganz andere Visionen. Da ist bestimmt etwas dabei, das wir unbedingt brauchen und kaufen wollen. Zeit sollen wir uns lassen und alles in Ruhe anschauen. Er wäre auch bereit, uns einen Spezialpreis zu machen, schließlich sind wir seine ersten Kunden heute. Das bringt Glück. Und ich bin doch quasi seine Schwester. Ach so. Na dann. Trotzdem würde ich jetzt gern gehen. Ist doch ganz schön warm hier drinnen und ich brauche auch gerade keinen schönen Holzelefanten für 40 Euro oder irgendwelchen Schmuck. Ich will jetzt nichts kaufen. Punkt. Und dabei bleibe ich, auch wenn mein neuer Bruder immer mehr Ketten und Armbänder aus seinen Kisten kramt und vor mir zu großen Bergen auftürmt.

Ich schaue zum Mann hinüber, denn ich kann förmlich hören, wie die Gedanken durch seinen Kopf rattern. Aber sie rattern nur, stoßen irgendwo an, um in eine andere Richtung zu rattern. Da ist vorläufig kein konkretes Ergebnis zu erwarten. Er schwitzt, will raus und weg. Aber das ist ausgeschlossen. Der Senegalese steht in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt und präsentiert sein schönstes Zahnpastalächeln. Möchte mal wissen, bei welchem Psychoguru er gelernt hat, so eine Show abzuziehen. Prinzipiell würde ich die Sache einfach aussitzen, aber der Mann sieht keinen anderen Ausweg, als ein kleines Produkt zu erwerben. Ein Armband für die Nichte soll es werden. Kann ja nicht die Welt kosten. Also sucht er ein schönes buntes aus und erkundigt sich nochmals nach dem Spezialpreis für Erstkunden. 10 Euro. Na bitte, geht doch. Es kostet zwar mehr als erwartet, aber hier mein Freund, nimm das Geld und her mit dem Armband. Alles klar und schönen Tag noch. Wir sind froh, endlich wieder draußen zu sein und gehen zum Pier, weil wir Fotos von den Fischern machen wollen.

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Nachdem wir auf unserem Weg diverse Aufdringlichkeiten abwehren konnten, poppt auf dem Pier wieder jemand neben uns auf und folgt uns wie ein Schatten. Gefühlt zwei Meter groß und entsprechend breit, stellt sich der Schatten ungefragt als Ali vor und beginnt sofort mit Mutmaßungen über unsere Herkunft. Ihr seid doch aus Jermani, oder? Ja, ja, kann sein. Das findet er super, denn sein Bruder lebt in Hamburg. Ach, das ist ja toll. Freut uns. Ist ja auch ganz schön in Hamburg. Wir versuchen ihn loszuwerden, sprechen kaum noch, laufen schneller, dann wieder langsamer. Es hilft nichts. Ali klebt an uns, wie ein ungebetener Kaugummi an der Schuhsohle.

Auch Ignoranz führt hier nicht zum gewünschten Erfolg. Als der Mann seine Kamera zückt, um endlich ein paar Fotos zu machen, wirft mir Ali seinen mächtigen Arm um die Schultern. So ein schöner Moment muss doch festgehalten werden. Während ich in seiner Achselhöhle feststecke, denke ich, dass er uns jetzt sicher in Ruhe lässt. Aber auch nach dem Foto werden wir ihn nicht los. Denn das gerade entstandene Bild will er unbedingt seiner Mutter zeigen. Die Information, dass das nicht geht, weil es eine analoge Kamera ist, nimmt Ali auf und verarbeitet sie. Doch unsere Hoffnung, dass er uns nun endlich in Ruhe lassen wird, verpufft bei gefühlten 40 Grad unter dem afrikanischen Himmel.

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Ali und ich auf DEM analog aufgenommen Foto

Dann können wir ja wenigstens ein Bild von der Mutter machen. Spricht ja nichts dagegen. Sie freut sich ganz bestimmt. Und wer kann schon nein sagen, wenn eine Mutter sich freut. Wir sollen mal kurz mitkommen, ist nicht weit, nur ein paar Meter, geht ganz schnell. Ist das ein Déjà-vu? Ich mag die Dinger nicht. Sie verunsichern mich und dann bekomme ich ganz schlechte Gefühle. Ich protestiere lautstark. Aber das hilft gar nichts. Ali duldet keine Wiederworte. Er marschiert vornweg und wir trotten schon wieder hinter jemandem her. Wenig später sind wir am Ziel und Ali führt uns in einen kleinen Hof. Dort schließt er eine Tür auf, hinter der ein dunkler Raum hockt. Unwahrscheinlich, dass auch seine Mutter hier auf uns wartet. Ich will weg. Aber daraus wird nichts.

Schon hat Ali die Fensterläden geöffnet und uns einen Platz angeboten. Weit und breit keine Mutter, dafür jede Menge Kram aus Holz. Er in der Tür und wir zwischen seinen Waren, die wir nicht wollen. Jetzt geht der ganze Quatsch also wieder von vorne los. Ich versuche ihm zu erklären, dass wir gerade etwas gekauft haben, aber das will Ali nicht hören. Stattdessen werde ich wieder adoptiert und bin nun auch Alis Schwester. Um das zu besiegeln, macht er mir ein Geschenk und schon wird mein Handgelenk von einem kleinen Armreif verziert. Tolle Strategie. Zum Dank muss ich ja jetzt etwas kaufen. Ich denke kurz nach. Dann lege ich den Armreif wieder ab. Danke du, voll lieb von dir, aber das kann ich nicht annehmen. Ali protestiert und zack hab ich das Ding wieder am Arm. Er sieht seinen Chancen auf Verkäufe schwinden und klärt uns auf, dass heute sein Geburtstag ist. Na, wie gut, dass dir das noch eingefallen ist. Ich will gar nicht wissen, was als nächstes kommt.

Das Armband will Ali nicht zurück. Gut, dann kaufe ich ihm das halt ab. Denn bevor ich diese neue Geschwisterbeziehung nicht mit meinen Eltern geklärt habe, kann ich auch keine Geschenke annehmen. Ich frage Ali nach dem Preis. Kein Preis. Geschenk. Ich soll mir etwas anderes aussuchen, dass ich kaufen will. Aber ich will nichts. Nicht aus Mitleid und erst recht nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass ich gerade mitten in einer Freiheitsberaubung feststecke. Ein Teufelskreis. Ich streife mir mein Geschenk wütend vom Arm und will gehen. Ali versperrt den Ausgang. Ganz schön dreist. Noch einmal frage ich nach dem Preis. Nichts. Ich hole zwei Euro aus meinem Portemonnaie. Reicht das? Ali ist hin- und hergerissen. Damit hat er ganz offensichtlich nicht gerechnet.

Dann denkt er sich wohl, dass 2 Euro besser sind als nichts, auch wenn es ihm stinkt. Er nimmt das Geld, denn das stinkt nicht. Raus lässt er uns aber nicht. Wir sollen ihm auch noch eine unserer Wasserflaschen geben. Genervt rücken wir sie raus. Gut, kannste haben und jetzt weg von der Tür, du Vogel. Wir drängen uns an ihm vorbei und sind endlich wieder an der frischen Luft. Bloß nicht mehr voll quatschen lassen, auf keinen Fall mehr anhalten oder nett sein. Kann uns doch egal sein, was die hier von uns halten. Tatsächlich versuchen es ein paar Typen auch später noch, aber wir reagieren einfach nicht mehr. Auch Ali treffen wir spät abends auf der Strandpromenade wieder. Er ist unterwegs mit einer Horde hölzerner Elefanten, die er zu verkaufen versucht. Nicht mit uns, keine Chance. Wir ignorieren auch ihn, was ihn jedoch auch jetzt nicht davon abhält, uns wieder in sicherem Abstand zu folgen. Jermani, Jermani, hören wir ihn rufen. Immer leiser und leiser.

Denkst du gerade darüber nach, auf die Kapverden zu fliegen? Dann mach das unbedingt, denn es ist sehr schön da! Lies am besten gleich noch meinen Artikel „Tipps für deinen Urlaub auf den Kapverden“, in dem du viele hilfreiche Infos findest! Folge mir außerdem auf FacebookTwitter oder Instagram, denn bald geht es hier weiter, mit Geschichten und Berichten aus der Welt.

Fotocredit: Bilder Nr. 2, 4, 5 und 6 im Post © Matthias Zwanzig

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  • Simone Wagner 22. April 2016 at 22:54

    Von wegen, du bist meine Schwester, die spinnen wohl. Können von Glück reden, dass ich sie nicht erwische.

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