Neulich in Berlin #1: Wenn das Denken zu oft die Richtung ändert

25. August 2017

Man sagt das so daher. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Schön und gut. Aber stößt das Denken dabei nicht allzu oft auch an seine Grenzen? Irgendwie. Irgendwo. Und rollt nur sinnlos herum? So lange und so sehr, dass es irgendwann zu viel Fahrt aufnimmt. Sich nur noch im Kreis dreht und die Richtungsänderung nicht zu einer Lösung führt, sondern in der absoluten Konfusion endet? Ich weiß, wovon ich rede. Mir ist das neulich erst passiert.

Greifswalder Straße. Ich steige aus der S-Bahn. Feierabendzeit. Mit vielen anderen verschmelze ich zu einer undefinierbaren Masse und fließe die Treppen hinunter. An deren Ende sitzt ein Obdachloser. An die Wand gelehnt. Vor sich zwei Pappen. Ich kann nicht lesen, was drauf steht. Der Menschenbrei schiebt mich weiter. Geht alles zu schnell. Was ich jedoch sehe: Der sieht traurig aus. Nachvollziehbar in so einer Situation. Einsam eventuell. Verzweifelt vielleicht. Hungrig bestimmt. Gegen Hunger kann ich was tun, denke ich, als ich am Backstand vorbeigeschoben werde. Ich kauf dem was! Ein guter Gedanke, der sich jedoch in Windeseile und ganz von allein zu meinem persönlichen Gordischen Knoten verwickelt. Wer hätte das gedacht.

Ein Salamibrötchen! Das kauf ich dem. Aber was, wenn er keine Wurst isst? Dann Käse! Aber wenn er keinen Käse mag? Welchen mag er nicht? Schnittkäse oder Camembert? Weiß nicht. Muss Brot kaufen, beim nächsten Bäcker. Da liegen viele Teilchen rum. Gefüllte Streuselschnecken. Oder so ein schönes großes Schweinsohr! Aber vielleicht gehts dem so wie mir. Dass der abends eher Bock auf was Herzhaftes hat. Hier! Ich kauf dem ne große Tüte Pommes bei McDonalds! Das ist weder Wurst, noch Käse. Eine sichere Bank. Aber nachher findet der McDonalds doof oder Pommes. Vielleicht doch einfach ne Cola und nen Schokoriegel. Aber was soll das für ein Abendessen sein? Vielleicht einfach mal fragen? Aber am Ende versteht der mich nicht oder ist so’n Durchgeknallter, der dann Stress macht? Ist ja Berlin. Alles möglich hier.

Beim letzten Mal gings irgendwie einfacher. Da war Winter und es war kalt. Im letzten Jahr ist das gewesen. Bin einfach zu so einem hin. Hab den angesprochen. Gefragt, ob er Klamotten braucht. Der Mann wollte zu Hause sowieso mal was aussortieren. Hab die Zurückhaltung einfach überwunden. In dem Moment ging das. Am nächsten Tag hatte er nen Beutel mit frischen Sachen. Die Freude war groß. Bei ihm. Bei mir.

Aber heute gehts nicht. Der Kopf brummt von der Arbeit. Brummt jetzt noch mehr, weil ich die ganze Zeit an den Obdachlosen denke, der bestimmt noch immer Hunger hat. Weiter haben wird, weil ich das Denken nicht lassen konnte und nun gar nichts gekauft habe. Nur weil man denkt, heißt das noch lange nicht, dass was Vernünftiges dabei herauskommt. Scheiße! Denke ich. Und außerdem denke ich, dass das ein echter Watzlawick hätte werden können. Aber der schreibt zwangsläufig ja keine Bücher mehr. Also nicht zu verwerten das alles.

Zwei Tage später denke ich, heute gehe ich die Sache professionell an. Ich werde vorbereitet sein. Hab was zu Kauen auf Tasche. Meine bunte Tüte trage ich sorgsam zur S-Bahn. Keiner da. Tüte also mit zur Arbeit. Friert da den ganzen Tag im Kühlschrank. Abends wieder raus und nochmal ne halbe Runde um die Stadt. Da ist er ja. Was bin ich froh! Lasse mich dieses Mal nicht vom Menschenbrei vorbeischieben, sondern schere aus. Gehe zielstrebig zum Obdachlosen. Halte ihm meinen kleinen Beutel vor die Nase. Der freut sich ein bisschen. Im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ist wohl Freuen nicht mehr gewohnt oder müde oder gar nicht richtig da. Ich frage ihn, ob ich ihm ein belegtes Brötchen kaufen kann. Will er gar nicht. Meint, das wäre schon genug. Dann soll es so sein. Auch wenn ich jetzt immer noch nicht weiß, ob er lieber Wurst oder Käse, Streuselschnecken oder Pommes mag.

Auf keinen Fall werde ich weiter auf dem neuen Gedanken herumdenken, der sich mir direkt im Anschluss aufdrängt: Was, wenn er gar keinen Hunger hatte?

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2 Comments

  • Reply Marija 28. August 2017 at 10:53

    Ein wirklich eindrucksvoller und schöner Artikel.
    Schön Lu, dass Du Dich nicht hast von Deinem Gedankenkarussell verschrecken lassen. Dem Obdachlosen wäre es wahrscheinlich egal, ob es Wurst oder Käse gewesen wäre, alleine die Tatsache, dass jemand aus der „undefinierten Masse“ heraus auf ihn zugekommen ist, war sicherlich ein guter Moment.

  • Reply Monchi 28. August 2017 at 21:35

    Wichtig ist: sich danach gut zu fühlen. Ob es dem Obdachlosen am Essen oder sonst etwas anderem gefehlt hat ? Die Frage bleibt offen. Aber du kannst dir sagen: Ich habe nicht weggeschaut … ich habe aktiv etwas unternommen. Meist ist es die Scheu auf beiden Seiten, sich aufeinander einzulassen. Manchmal versickert es gleich im Anlauf … manchmal ergeben sich wunderbare Gespräche. Ich versuche es meist mit dem Blickkontakt. Ist jemand zum Kontakt bereit, dann hält er dem Blick stand und es lohnt, sich auf diesen Menschen einzulassen. Entschwindet sein Blick … dann lasse ich es lieber sein.

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