Meine Entdeckungen im Nordwesten Sardiniens

23. September 2018
Nordwesten Sardiniens - Bosa

Für unsere Woche auf Sardinien haben wir keine waghalsigen Pläne geschmiedet. Wir wollen nicht jeden Tag bis zur Erschöpfung über die Insel rasen, um sie neu zu vermessen. Was jedoch nicht heißen soll, dass wir die ganze Zeit untätig herumsitzen. Obwohl es für unseren Geschmack Ende Juni fast schon zu heiß ist, um irgendetwas zu tun. Es war ja nicht zu ahnen, wie viel Luft noch nach oben ist, was die Temperaturen in diesem Sommer betrifft.

Wanderungen haben wir jedenfalls von unserer Aktivitätenliste gestrichen, obwohl wir das ganz gern gemacht hätten. Dafür sind wir in ein paar hübschen kleinen Orten unterwegs und haben hier und da auch ein paar schöne regionale Leckereien in unseren Taschen versenkt. Ich würde sagen, wir ziehen jetzt mal gemeinsam los und schauen uns den Nordwesten Sardiniens an.

Alghero

Um 8.37 Uhr legt der Mann den Rückwärtsgang ein und ich bin überrascht von mir selbst, dass ich tatsächlich neben ihm im Auto sitze. Aber es empfiehlt sich, hier lieber früh als spät zu starten. Für die Wege braucht es Zeit, die Hitze kommt irgendwann und die Menschen auch.

Wir steuern auf Alghero zu. Es heißt, dass es die schönste Stadt Sardiniens ist. Einst unter spanischer Herrschaft, lassen sich hier sogar noch Spuren dieser Zeit finden. Die Architektur der hübschen Altstadt, mit ihren vielen kleinen Gassen, zeugt davon. Fast ein Viertel der Einwohner spricht noch immer einen katalanischen Dialekt, Straßenschilder sind oft zweisprachig.

Als wir ankommen, geht es in der Stadt ganz gemütlich zu. Viele Läden haben noch nicht geöffnet, weshalb noch nicht zu viele Leute unterwegs sind. Also bummeln wir ausgiebig durch die Altstadt, sitzen gemütlich in einem kleinen Café und spazieren an der beliebten Uferpromenade entlang. Bis zum Hafen, um uns von dort die schöne Stadt noch aus einer anderen Perspektive anzuschauen und die Ruhe zu genießen.

Mit der ist es allerdings schnell vorbei. Denn im Klein-Barcelona, wie Alghero bezeichnet wird, schiebt sich zur Mittagszeit eine Touristenpolonaise nach der anderen durch die engen Straßen. Darauf haben wir irgendwie gerade gar keine Lust und treten die Flucht an. Abgang Lu und der Mann. Zurück dahin wo nichts los ist.

Weingut Sella & Mosca

Auf dem Weg in unseren friedlichen Garten machen wir allerdings noch am Weingut Sella & Mosca Halt, das sich nicht weit von Alghero befindet. Es zählt zu den größten Weingütern Sardiniens und blickt auf eine über hundertjährige Tradition zurück. Eine lange Straße, die von unendlich vielen Oleanderbüschen gesäumt ist, führt zu der hübschen Anlage. Kultiviert werden hier ausschließlich heimische Weinsorten und es können Besichtigungen mit oder ohne Verkostungen gemacht werden. Wir besichtigen nichts, verkosten nichts, sondern kaufen ohne besonders lange zu überlegen ein paar Flaschen Rosé. Der wird an den nächsten Abenden zum Sonnenuntergang am Haus getrunken.

Historisches Bergdorf Santu Lussurgiu

Ein anderer Tag. Der Mann hat wieder frühes Aufstehen angeordnet. Nach Bosa soll es gehen und vorher wollen wir Santu Lussurgiu einen Besuch abstatten. Einem Bergdorf am Südosthang des Monte Ferru, dem größten Vulkanmassiv auf Sardinien, das längst erloschen ist. Schönste Wälder bedecken inzwischen die Hänge. Und mittendrin eben dieses Dorf, das ich gar nicht unbedingt als solches bezeichnet hätte. So offensichtlich historisch fand ich das im Übrigen auch nicht. Soll nicht heißen, dass es Unfug ist, dorthin zu fahren. Man bekommt nur nicht unbedingt das präsentiert, was man sich im Kopf zusammen gesponnen hat.

Den Ort mag ich trotzdem. Wahrscheinlich weil nichts los ist. Hier und da schleicht mal ein Tourist an uns vorbei. Vermutlich ebenfalls auf der Suche nach der großen Attraktion. Sonst nur Einheimische. Die Häuser stehen eng beieinander, so manche Gasse ist entsprechend schmal. An vielen Wänden hängen große schwarz-weiß Fotografien, die von früher erzählen. Sie zeigen Szenen aus dem Ort. Meist sind auch Pferde drauf. Denn auch heute noch sind die Einwohner von Santu Lussurgiu für ihre edlen Zuchttiere bekannt. Dass Reitsport und Sattelei hier eine große Rolle spielen, ist nicht zu übersehen. Pferde selbst treffen wir nicht an.

Dafür mag ich die Art des Urban Gardenings, das hier betrieben wird. Immer wieder wird den schmalen Gehwegen und Straßen etwas Platz abgetrotzt. Wie auf einer Perlenkette reihen sich kleine und noch kleinere Blumentöpfe mit Kakteen oder anderen Pflänzchen aneinander. Manchmal wurden Holzkisten an den Wänden angebracht – natürlich auch für Pflanzen. Die hängenden Gärten von Santu Lussurgiu. Ja, das passt mir gut in den Kram und ist noch ausbaufähig. Vielleicht kann sich da mal einer drum kümmern.

Castello del Montiferru

Von Santu Lussurgiu führt uns eine Straße über den Monte Ferru, zu einem kleinen Hügel. Dort thronen die Reste des Castello del Montiferru. Um hinauf zu kommen, nehmen wir einen schmalen, zugewachsenen Weg. Auf dicken Blüten sitzen gigantische Heupferde. Hautfarbene Glubschaugen haben die. Vielleicht Spezialagenten aus einem Paralleluniversum. Ich finde die ein bisschen unheimlich, kann aber auch nicht einfach dran vorbeigehen, ohne jedes Exemplar ausgiebig zu mustern.

Meine Bummelei hört auf, als wir endlich eine Treppe erreichen, die uns hinauf zur Ruine bringt. Von oben – wie soll es anders sein – haben wir einen herrlichen Ausblick auf die Küste von Cuglieri, einer kleinen Stadt, hier in der Provinz Oristano. Auf der Weiterfahrt, machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp in der Snackbar von Sennarido. Ein kleiner Ort, der in der Mittagssonne still vor sich hin döst und mir deshalb ebenfalls sehr sympathisch ist.

Bosa

Weiter geht es zur letzten Station an diesem Tag – nach Bosa, der Stadt am Fluss Temo, der hier durch ein breites Tal zum Meer strömt. Als wir Richtung Zentrum abbiegen, haut es mich fast aus dem Sitz, weil ich den Anblick so schön finde. Eine Bogenbrücke führt über den Fluss. An seinen Ufern schaukeln kleine Fischerboote. Dahinter die bunten Fassaden der Häuser, die den Hügel hinauf wachsen. Ganz oben dann wieder eine Ruine. Dieses Mal vom Castello di Serravalle. Wir schleichen treppauf, treppab auch hier durch die engen Gassen der Altstadt, vorbei an den vielen schönen Häusern mit ihren schmiedeeisernen Balkonen.

Hier könnte ich noch länger bleiben. Mich einfach neben einen älteren Herren setzen, der es sich im Schatten auf den Treppenstufen seines Hauses gemütlich gemacht hat. Ich würde ihm zuschauen, was er da aus den Pflanzenresten zusammen knotet. Vielleicht einen Korb, vielleicht einen großen Knoten. Ich werde es niemals erfahren, weil uns die Nachmittagshitze zurück ins klimatisierte Auto und wieder auf die Straße treibt.

Für den Heimweg nehmen wir die Panoramastraße von Bosa nach Alghero, entlang der Steilküste. Ich wünschte, wir hätten hier, in dieser grandiosen, unbeschreiblich schönen Landschaft unsere Zelte aufgeschlagen. Ich kann mich gar nicht sattsehen. Nicht an den Felsen, die sich rechts neben uns erstrecken. Auch nicht am Meer und der Steilküste, die links neben uns liegen. Was für Ausblicke! Falls es ein nächstes Mal Sardinien geben wird, muss es ganz zwingend genau hier stattfinden. Das schwöre ich mir still und heimlich. Vielleicht kann ich dann auch ein Foto von dieser Herrlichkeit machen, was mir heute nicht gelingt. Deshalb musst du deine eigene Vorstellungskraft zu Rate ziehen oder dich einfach direkt vor Ort von dieser Schönheit überzeugen.

Sorso

Inzwischen ist schon der sechste Tag und ich bin fast eins geworden, mit der Hängematte im Garten. Mich stört das kein bisschen. Von mir aus könnte es ewig so weitergehen. Zumal es uns nach wie vor zu heiß ist, um irgendetwas anderes zu tun. Deshalb warten wir bis zum späten Nachmittag, bevor wir doch noch aufbrechen. Der erste Halt soll Sorso sein, eine Kleinstadt im Norden. Scheinbar gibt es hier nicht viel, das für Touristen auch nur annähernd interessant sein könnte. In meinen sehr schmalen Reiseführer hat es die Stadt zumindest nicht geschafft.

Was herrscht ist ganz normale Betriebsamkeit. Normale Menschen, die normale Dinge tun. In den Straßen entdecken wir nichts, staunen über nichts. Stattdessen tun wir es den Leuten hier gleich. Setzen uns in ein kleines schattiges Café an einen Platz. Beobachten still Grüppchen von älteren Herren, die an Häuserecken stehen und einen Schwatz halten.

Weingut „1 Sorso“

Am Rande der Stadt Sorso befindet das Weingut „1 Sorso“. Der Mann hat es in einem Weinführer entdeckt, der in einem sardischen Restaurant in Berlin auslag. Der Besitzer des Gutes, Leonardo Bagella, ist ein freundlicher kleiner Mann. Persönlich bittet er uns in den hübschen Verkaufsraum. Jede Menge Flaschen sind hier akkurat in Holzregalen aufgereiht. Angebaut werden verschiedene Sorten, zu kaufen gibt es den weißen Vermentino und den roten Cannonau.

Dazwischen ist sardische Handwerkskunst zu sehen, Körbe und Gewebtes, hier und da ein Foto. Ein sehr altes zeigt die Familie, der Ur-Ur-Großvater in der Mitte. Die Familie besitzt und kultiviert das Gebiet um Sorso seit Ewigkeiten. In den 50ern übernimmt Bagellas Vater das Anwesen und beginnt mit dem Weinbau. Leonardo wird es irgendwann an seinen Sohn und seine Tochter übergeben.

Das erfahren wir und auch, dass 1 Sorso „ein Schluck“ bedeutet. Ich nehme sogar beide Schlucke, die mir angeboten werden. Wenn es das ist, was die Insel wünscht, dass man sich nachmittags schon einen hinter die Binde kippt, dann soll es so sein. Ist ja schließlich Urlaub. Außerdem muss die Ware geprüft werden, bevor sie im Kofferraum verschwindet. Als wir vom Hof rollen, winkt uns Leonardo Bagella fröhlich hinterher.

Castelsardo

Ganz beseelt, machen wir uns noch auf den Weg nach Castelsardo. Als wir vor etwa zehn Jahren mit Freunden auf Sardinien waren, haben wir schon mal hier am Meer, zu Füßen der Stadt gesessen und ein Picknick gemacht. Ob wir damals auch durch die hübsche Stadt gelaufen sind und von der Festungsanlage auf den Golf von Asinara geschaut haben – ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern.

Heute machen wir das aber und fahren hinauf Richtung Burg, schlendern durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, wo es hinter jeder Kurve Cafés, Restaurants und kleine Läden gibt, in denen unter anderem geflochtene Korbwaren verkauft werden. Ein typisches Produkt aus Castelsardo. Von der Burg oben gibt es wieder einen fabelhaften Ausblick und die Möwen lachen und tanzen um uns herum. Es ist ziemlich fabelhaft und ein ganz guter Abschluss der Reise. Fast.

Bäckerei Madrigosas in Olmedo

An unserem letzten Tag auf Sardinien sind wir noch einmal in unserer Funktion als Jäger und Sammler unterwegs. Zuerst geht es nach Olmedo, in der Nähe von Alghero. Von hier sind nämlich die leckeren, sardischen Kekse, von denen eine ganze Tüte als Kostprobe im Haus liegt. Irgendwie habe ich es geschafft, sie mir für die Dauer des Aufenthalts einzuteilen. Aber nun sind sie fast alle und ein paar davon möchte ich unbedingt mit nach Hause nehmen. Also muss Nachschub her.

In der Bäckerei, in der es neben den „Dolci Sardo“ auch typisch sardisches Brot zu kaufen gibt, packt eine nette ältere Dame geduldig von jeder Sorte Kekse etwas für uns ein. Natürlich hat dieser neue kleine Vorrat auch nicht besonders lange gehalten. Ich hab mich bei Süßigkeiten einfach nicht im Griff.

Hofladen „Alle Cascine“ in La Crucca

Weil wir noch immer nicht genug haben, geht es von dort noch nach La Crucca, zu „Alle Cascine“ – einer Art Hofladen. So würden wir es hier wohl bezeichnen. Das Hinkommen ist gar nicht so einfach und unser Navi führt uns über teils fragwürdige Pisten. Bei einigen bin ich mir nicht sicher, ob man die wirklich benutzen soll oder überhaupt darf. Aber der Mann hat Fährte aufgenommen. Punkt.

Und als wir endlich am Ziel ankommen, erwartet uns eine hübsche, kleine Anlage und ein Lädchen, in dem es Obst und Gemüse, Wurst, Käse und viele andere leckere Dinge zu kaufen gibt. Wenn du in der Gegend bist und mal nicht nur im Supermarkt einkaufen willst, dann lohnt sich der Weg hierher. Von der beschriebenen Anfahrt solltest du dich zumindest nicht abschrecken lassen, denn es führen mindestens zwei Wege nach La Crucca und auch wieder weg.

Lesetipps

Wie eingangs geschrieben, hatten wir nicht vor, uns hier zu verausgaben. Deshalb habe ich nicht in einen besonders dicken Reiseführer investiert und mir „Sardinien“ von DUMONT direkt (ISBN 978-3-7701-8413-2) geschnappt. Der erschlägt einen nicht gerade mit Infos, ist aber ganz hilfreich, um sich einen Überblick zu verschaffen und Anregungen zu holen.

Wirklich gut, um Hintergrundwissen über die Insel zu bekommen, ist „Gebrauchsanweisung für Sardinien“ von Henning Klüver, erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-27616-0). Nicht so witzig geschrieben, wie andere Bücher, die ich aus der Reihe schon gelesen habe, aber unheimlich informativ. Klüver war als Student zum ersten Mal auf Sardinien, inzwischen reist er mit seiner sardischen Frau und erkundet die Insel bereits seit vierzig Jahren. Da kommt einiges an Wissen zusammen, das er in seinem Buch teilt.

Wenn du dir zumindest einen Überblick verschaffen willst, wo sich die wichtigsten – und vielleicht auch schönsten – Strände befinden, dann hilft dir vielleicht die Karte auf dieser Website (allerdings auf Italienisch). Den Link habe ich im Buch „Gebrauchsanweisung für Sardinien“ entdeckt.

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