Fluxus für alle!

13. Mai 2018
Extremadura, Spanien: Alte Wollwäscherei, die das Museo Vostell beherbergt

Wie das hier aussieht! Ein Haufen Schrott in der sonst so hübschen Gegend. Die Menschen werden später vorschnell die Nasen rümpfen, wenn sie sich die Fotos von unserem Roadtrip durch Spanien anschauen und wir bei M wie Malpartida de Cáceres ankommen. Was soll das bitte sein? Das werden sie fragen. Das ist doch schrecklich. Das werden sie sagen.

Klar, ist das schrecklich. Eine russische MIG, die beim freien Fall aus dem Himmel ganz offensichtlich mit zwei Autos, drei Computerbildschirmen, mindestens einem Klavier und diversen Vogelnestern kollidiert und dann halt auf den Rasen gekracht ist. Da steht sie seitdem sehr aufrecht, spuckt Wasser, verwirrt die Menschen und die Vögel kacken drauf. Was echt jetzt? Ja, naja. Nicht ganz.

„Warum dauerte der Prozess zwischen Pilatus und Jesus nur zwei Minuten?“

Ist das Kunst oder kann das weg?

Als Betrachter kann man das mit der MIG gut finden oder halt nicht. Das bleibt jedem selbst überlassen. Ein Unfall mit Flugobjekt ist das auch gar nicht, sondern tatsächlich Kunst, verursacht von Wolf Vostell. Dieser Mann, geboren 1932 in Leverkusen und gestorben 1998 in Berlin, war Maler und Bildhauer und auch Happeningkünstler. Einer, der unter anderem den Weg für Installationen, Videokunst und für die Fluxus-Bewegung bereitete.

Fluxus? Klingt nach Herrn Potter und einem Zauberspruch für Menschen unter Zeitdruck. Nur dass es hier keinerlei Zusammenhänge gibt. Fluxus ist eine Kunstrichtung, bei der die Idee von Bedeutung ist und nicht das Kunstwerk, was sich am Himmelsschrott im Garten ganz gut beobachten lässt. In den 60ern war Fluxus ziemlich angesagt und wurde von bekannten Avantgardekünstlern, wie Yoko Ono oder Nam June Paik geprägt. Ein weiterer war Wolf Vostell.

Der war ein Mann der Tat. Einer, der Kritik übte an Medien, Konsum und der Wohlstandsgesellschaft. Einer, der es deshalb auch liebte, Fernsehgeräte in seinen Kunstwerken zu verbauen oder Dinge einfach einzubetonieren. Am liebsten Cadillacs. Auch seinen Opel Admiral ereilte dieses Schicksal. Der steht seit 1976 mit einem hübschen Betonüberzug inmitten noch viel hübscherer Granitfelsen. Die Plastik trägt den Namen „VOAEX – Viaje de (H)ormigon por la Alta Extremadura“ oder auf Deutsch „Betonreise durch die Obere Extremadura“. Irre.

„Betonreise durch die Obere Extremadura“

So kam zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst

Die Liebe zu diesem Ort in der Extremadura entflammte Anfang der 70er Jahre, als Vostell die Heimat seiner Frau Mercedes und das Dorf Malpartida de Cáceres besuchte. Dabei entdeckte er auch die Los Barruecos. Es heißt, dass die Granitfelsen, die es dort zuhauf gibt, ihn an seine eigenen Betonarbeiten erinnerten und er in der Landschaft ein „Kunstwerk der Natur“ sah. Bald darauf wurde der Ort zu seinem zweiten Zuhause.

Die Los Barruecos mit ihren Granitfelsen.

Er erkor eine alte Wollwäscherei aus dem 18. Jahrhundert aus, um einen „Treffpunkt für Kunst, Leben und Natur“ einzurichten. Nach etwas Überredungsarbeit erwarb die Gemeinde das Areal Mitte der 70er Jahre und stellte es Vostell zur Verfügung, damit er sein Museum gründen konnte. Dazu gehörte auch diese unverschämt gutaussehende Landschaft Los Barruecos.

Die alte Wollwäscherei, die das Museo Vostell beherbergt.

Du kannst mich Kunstbanause nennen, aber ich hatte ja keine Ahnung. Nicht von Vostell und auch nicht von Malpartida de Cáceres. Wie gut, dass in unserem Reiseführer ziemlich ausführlich darüber geschrieben wurde. Und so beschlossen wir, im Anschluss an unseren Abstecher nach Cáceres, eben auch noch ins nicht weit entfernte Malpartida zu fahren. Eine Gegend, die übrigens nicht nur Kunst- und Naturfreunde anzieht, sondern vor allem bei Störchen extrem beliebt ist. Unzählige Nester auf unzähligen Pfählen, auf den Felsen und natürlich auch auf Vostells Kunstwerk bezeugen das.

Außen schlicht, innen ziemlich schräg – das Museo Vostell

Was sich im Museum abspielt, können wir nicht erahnen, als wir vor den zwar hübschen, aber fast unscheinbaren Gemäuern der alten Wollwäscherei ankommen. Das ändert sich natürlich ganz schnell, als wir die Räume betreten, in denen das Fotografieren leider untersagt ist. Etwas schade, weil es etliche Arbeiten Vostells aus mehreren Jahrzehnten zu sehen gibt, die recht speziell sind. Einige hat er extra für dieses Museum geschaffen. So auch einen Vorhang aus 20 Motorrädern, genannt „Das Ende von Parzival“, das wiederum nach einer Idee von Salvador Dali entstanden ist. Die Motorräder sind Originale von Francos letzter Leibgarde, die Vostell auf einem Madrider Autofriedhof gekauft hat. Es soll verdeutlichen, dass der Vorhang für die Diktatur gefallen ist.

Darüber hinaus gibt es für uns eine spannende Sammlung von Werken weiterer Fluxus-Künstler, die das Museum ebenfalls beherbergt. Wer mag, kann sich im Informationszentrum auch noch einen Überblick über die Schafzucht in der Extremadura und die Arbeitsabläufe in der Fabrik verschaffen. Fertig ist man dann aber nicht. Denn ein entscheidender Teil fehlt noch.

Yoko Ono hat sich auch verewigt: „Painting to hammer a nail in cross version“.

Hinter der Tür ruht still dieser See

Nach all den Verrücktheiten, mit denen das Museum aufwartet, pochen wir nun natürlich darauf, auch etwas von der Natur zu bekommen, die doch zu Vostells Konzept gehören soll. Wir bekommen sie auch. Müssen hierzu nur durch eine schmale Tür treten und stehen plötzlich in einer völlig anderen Welt. Während drinnen die Kunstwerke ihre ganz speziellen Geräusche machen, herrscht draußen himmlische Ruhe, die maximal durch fein gestimmtes Vogelgezwitscher aufgewertet wird.

Vor uns breitet sich eine Felsenlandschaft aus, die einfach unbeschreiblich schön ist und es ist ein Leichtes nachzuvollziehen, dass auch Vostell ihr verfallen war. Versunken schauen wir auf den See und bewundern still, was die Natur hier geschaffen hat. Weil das noch ausbaufähig ist, beschließen wir, den Naturpark genauer unter die Lupe zu nehmen. Auf gut gekennzeichneten Wegen erkunden wir diese wundersame Landschaft, mit ihren Felsen und Seen. Beobachten Vögel und treffen auf freilaufende Esel. Zu viele Menschen sind hier auch nicht unterwegs. Mehr kann man gar nicht wollen.

Außer etwas Abkühlung vielleicht. Es ist heiß an diesem Oktobernachmittag in der Extremadura. Trotzdem schaffen wir es noch bis zu der Stelle, an der Vostell seinen Admiral einbetoniert hat. Den muss man schließlich auch gesehen haben, wenn man einmal hier ist. Und eigentlich hätte ich mich gern noch länger herumgetrieben, aber mein Körper verlangt inzwischen dringend nach einer Siesta. Deshalb endet unser Ausflug und auch dieser Text hier. Ein paar Infos gibts aber noch unter den Fotos.

Los Barruecos

Los Barruecos

Eselbande

Los Barruecos

Achtung, Kunst!

Blick auf die alte Wollwäscherei.

Museo Vostell und Los Barruecos

Wo
Das Museo Vostell und der Naturpark Los Barruecos befinden sich in der spanischen Region Extremadura und dort in Malpartida de Cáceres. Das liegt nicht einmal 15 Kilometer von der sehenswerten Stadt Cáceres entfernt. Solltest du dorthin fahren, empfehle ich dir, den hier beschriebenen Ausflug unbedingt einzuplanen. Sonst hast du wirklich etwas verpasst.

Wie
Von Cáceres aus beträgt die Fahrzeit mit dem Auto etwa 20 Minuten. Eine Busverbindung ab Cáceres soll es auch geben. Der Bus fährt dann ins Zentrum von Malpartida de Cáceres. Von dort aus sind es noch ca. drei Kilometer, die du zu Fuß oder alternativ vielleicht auch mit dem Taxi zurücklegen kannst. Ob das gut funktioniert, kann ich leider nicht einschätzen, da wir mit dem Auto unterwegs waren.

Was
Ganz klar, dass du dir das Museum und natürlich auch den Naturpark anschauen solltest. Es gibt hier mehrere gut markierte Wege, auf denen du zwischen 30 Minuten bis zu drei Stunden herumspazieren kannst. Wenn du unterwegs Vögel beobachten möchtest, pack dir am besten ein Fernglas ein. Solltest du Durst oder Hunger bekommen, dann findest du ein Café unweit des Parkplatzes. Auch das Museum verfügt über ein hübsches Restaurant mit schönem Außenbereich.

Wann
Die Öffnungszeiten des Museums wechseln je nach Jahreszeit. Darüber informieren kannst du dich auf der Website. Plane weise, wenn du vor allem wegen des Museums kommst. Denn auch hier wird zwischendurch Siesta gemacht.

Preise
Das Naturdenkmal ist frei zugänglich, der Eintritt zum Museum kostet 2,50 Euro.

Noch mehr von unserem Roadtrip durch Spanien


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Museo Vostell und die Los Barruecos in der Extremadura, Spanien

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  • Lenke 14. Mai 2018 at 11:04

    Fluxus für alle ….
    Wieder etwas dazu gelernt – ein tolles Stück bisher unbekannter Landschaft, eine neue Kunstrichtung einschließlich diverser Künstler und Objekte. Welch raffinierter Fleck für ein Museum!
    So macht ein Blog viel Sinn.
    In alter Verbundenheit
    Deine Lenke

    • Lu 14. Mai 2018 at 19:34

      Ja, du sagst es – raffiniert und toll und sehr zu empfehlen. Liebe Grüße Lu

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