Einfach S.

8. März 2017

Die Welt kann ein grässlicher Ort sein. Wegen Menschen. Die Welt kann aber auch ganz fabelhaft sein. Wegen Menschen. Den besonderen, die wir mit etwas Glück da draußen treffen. Die das i-Tüpfelchen sind, auf unseren Reisen. Die wir auf ewig mit einem Ort in Verbindung bringen und ganz bestimmt nie vergessen werden.
So wie S.

Bis heute gibt es keine Einigkeit darüber, wie sie heißt. Auch sie hat sich, wie in China üblich, einen amerikanischen Namen gegeben. Er fängt an mit einem S und endet mit RA. Ich hatte extra nachgefragt. Aber auch jetzt noch passt dazwischen mindestens ein I oder ein A. Sira oder Sara. Ich nenne sie einfach S. Damit alles trotzdem irgendwie seine Richtigkeit hat.

S. ist so ziemlich das, was mir bereits meine Vorstellung als „sehr chinesisch“ vermittelt hat. Klein und zierlich. Mädchenhaft. Mit langen, schwarzen Haaren, die zum Zopf gebunden fröhlich hinter ihrem Kopf herhüpfen oder unter einer Mütze verschwinden. S. ist lebensfroh und liebenswert. Dazu wissbegierig und schlau, nicht nur wegen der schwarzen Brille, die auf ihrer Nase wohnt.

Und neben all dem ist S. unheimlich darauf bedacht, dass wir eine schöne Zeit haben. Denn S. betreut das kleine Hotel, in dem wir für ein paar Tage wohnen. Nebenbei macht sie eine Ausbildung zur Touristenführerin. Vielleicht hat S. deshalb ein sicheres Gespür dafür, was uns anzieht und abstößt. Erkennt, dass wir nicht zu jenen gehören, die gern in großen, möglichst schrillen Gruppen die Welt entdecken. Dass wir nicht die sind, die sich besonders für Schema F interessieren.

Linien, Kringel und Kreuze weisen uns den Weg
Mit unbändiger Freude und ohne Unterlass kritzelt S. täglich auf einer von mindestens zwei oder drei kleinen Landkarten herum, die wir inzwischen in Gebrauch haben. Zeichnet Linien, malt Kringel und macht Kreuze. Markiert die Orte, an denen es so authentisch, leer und still wie nur möglich ist. Fast wären verschiedene Farben notwendig, um nicht den Überblick über all die Möglichkeiten und Abkürzungen zu verlieren.

Ausschnitt Landkarte Yangshuo in China

S. kennzeichnet für uns die schönsten Strecken am Fluss. Die nicht ganz so bekannte, dafür weniger überlaufene und trotzdem sehenswerte Brücke. S. verrät uns, auf welchen Berg wir in der Stadt klettern sollen, um von dort oben auf die Gegend blicken zu können. Dank S. sehen wir das alte Yangshuo und essen mehrmals chinesische Köstlichkeiten in einem kleinen Restaurant, das wir sonst vielleicht niemals entdeckt hätten. S. organisiert die Fahrerin, die uns zu einer Teeplantage bringt und auf einem anderen Berg zu einer weiteren atemberaubenden Aussicht verhilft.

Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China Yangshuo in China

S. leiht uns ihr samsungPad, damit wir auf YOUKU, wie eines der chinesischen YouTubes heißt, einen sehr alten chinesischen Film schauen können. Mit englischen Untertiteln, viel Gesang und überdurchschnittlicher Länge soll er uns diese Region noch näher bringen. S. enthüllt für uns die Geheimnisse der Dim Sum Herstellung. S. lädt uns zu Cremetorte mit Tomatengarnitur ein. S. lässt uns ein selbstgemachtes Getränk probieren. S. nennt es Wein.

S. ignoriert oder versteht nicht die eine Bemerkung, die wir zur Great Firewall of China machen, als wir gemeinschaftlich im Internet nach dieser einen Frucht suchen, die wir am Nachmittag vernascht haben. S. möchte wissen, ob es schwer ist, einen Schokoladenkuchen zu backen. S. beantwortet nach kurzem Zögern unsere Frage nach dem Verzehr von Hundefleisch. S. sorgt sich um uns. Deshalb lässt S. uns mit dem Auto abholen, als uns der Abend mit einem heftigen Gewitter überrascht, welches viel Regen und so starke Blitze mitbringt, dass es draußen immer wieder taghell wird.

S. platzt aus mir heraus: Bìhu!
S. ist besessen davon, uns Chinesisch beizubringen und tut auch das, ohne dabei müde zu werden. Die meisten Dinge weiß ich noch immer. Und wenn ich daran denke, sehe ich S. vor mir. Ich höre genau, wie schön die chinesischen Worte klingen, die aus ihrem Mund purzeln. Wieder und wieder. Mein Lieblingswort ist jenes, das Gecko bedeutet. Auch heute kommt es mir noch oft und ganz plötzlich in den Sinn. Dann platzt S. einfach laut aus mir heraus. Egal wo ich gerade bin und was ich da mache. Bìhu! Stets katapultiert es mich für den Bruchteil einer Sekunde zurück nach China. Nach Yangshuo und seinen Menschen. Zu den Bergen und den Feldern und dem Fluss. Das fühlt sich immer gut an. Ich möchte es andauernd rufen.

Yangshuo in China

Ein merkwürdiges Gefühl überkommt mich, als unsere Reise weitergeht und wir S. zurücklassen. Irgendwie wird sie mir fehlen. Denn für uns ist S. ein besonderer Mensch geworden. Einer, den wir auf ewig mit diesem Ort in Verbindung bringen werden und ganz bestimmt nie wieder vergessen können.

Danke S.

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2 Comments

  • Reply lenke 8. März 2017 at 23:34

    Liebe Lu, Du wirst immer wieder wunderbare Reisen haben, Menschen gern haben und in Deinem Gedächtnis speichern. Weil Du die kleinen, feinen, einfachen, wahrhaftigen Dinge magst, nicht den großen Rummel. Nicht so intensiv wie Du (weil v.a. aus Altersgründen andere Reiseformate) habe auch ich auf fast jeder Reise so ein Juwel gefunden, das man ins Herz schließt und nicht vergißt. Mit Deinen Blogs zeigst Du uns, dass überall auf der Welt Menschen sind, die uns gut Freund sein wollen. Deshalb ein Bienchen ins „Muttiheft“!.

    • Reply Lu 19. März 2017 at 18:36

      Danke, meine liebe Lenke!

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