Der Arsch der Welt und wie man da hinkommt

21. Oktober 2013

Nach der Ankunft der Fähre in Porto Novo gibt es für uns die nächste Herausforderung. Wir müssen jemanden finden, der uns über die Insel zu unserer Unterkunft in Tarrafal de Monte Trigo bringt. Jederzeit möglich, aber gleichzeitig sehr teuer, ist das mit dem Taxi. Wir wollen es erst einmal mit der günstigeren Variante versuchen und benötigen dazu ein Aluguer. Von denen gibt es allerdings nicht mal eine Hand voll, die in unsere Richtung fahren. Wenn sie fahren, dann nur einmal am Tag. Ein Hotel in Hafennähe wurde uns als möglicher Abfahrtsort genannt. So schnell es mit unserem Gepäck möglich ist, wollen wir dort hin. Doch bereits auf dem Weg werden wir vom Fahrer eines Pick-ups angesprochen. Mit Händen, Füßen und ein paar Wortfetzen kommen wir zu dem Schluss, dass sein Fahrziel auch unseres ist. In 2,5 Stunden will er uns abholen. Das trifft sich gut. Einerseits müssen wir die Fährfahrt noch verdauen, andererseits muss ich dringend frisches Bargeld besorgen. Den Mann lasse ich mit dem Gepäck am Hotel zurück und ziehe los. Bewaffnet mit einem handgemalten Stadtplan und mehr als mangelhaften Fähigkeiten in Sachen Kartenlesen und Orientierungslauf trotte ich bei brütender Hitze durch den Ort. Es ist fraglich, ob ich jemals ankommen werde. Überall am Straßenrand Menschen, die mich beäugen. Die Sonne brennt. Der Ort ist nicht gerade klein. Irgendwann scheint er sich mal gestreckt und dann nicht wieder zusammengezogen zu haben. Ich laufe und laufe. Am Ende finde ich ihn. Den Automaten. Mein Herz hüpft vor Freude.

Erwartungsvoll wähle ich brav den Betrag aus und gebe meine Pin ein. Sofort spuckt das Gerät meine Karte wieder aus und teilt mir mit, dass – O-Ton – für mich keine Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Frechheit. Was soll das denn heißen? Beharrlich versuche ich es wieder. Und wieder. Erfolglos. Ich muss mich sehr beherrschen, meinen Frust nicht an dem Gerät auszulassen. Deshalb entscheide ich mich für diplomatische Verhandlungen mit der Frau hinter dem Bankschalter. Die erklärt mir, dass der Automat tipptopp in Schuss ist. Es kann nur an meiner Karte liegen. Ganz klarer Fall. Immerhin teilt sie ihr Wissen mit mir und erklärt, wo sich im Ort noch ein zweiter Automat befindet. Wenn der genauso störrisch ist, dann haben wir ein echtes Problem, denn unser Geld ist so gut wie alle. Ganz schlechte Aussichten für die nächsten Tage, denn da wo wir hinfahren, gibt es derlei Geräte noch nicht. Grummelnd laufe ich weiter und finde bald auch den anderen Geldausgabeautomaten. Der macht seinem Namen alle Ehre und händigt mir den höchstmöglichen Berg an bunten Scheinen aus. Das wäre also geschafft. Zurück am Hotel will ich es die nächsten zwei Stunden mit etwas Gemütlichkeit versuchen. Aber daraus wird nichts. Kaum an der Cola genippt, hupt es. Der Pick-up ist wieder da. Viel zu früh, aber diese Erkenntnis ist überflüssig. Schon werden unsere Taschen gemeinsam mit großen Säcken voller Bohnen, Baumaterial, einem Autoreifen und weiterem Krimskrams auf der Ladefläche verstaut. Für eine bessere Aussicht während der 2-3-stündigen Fahrt, werden auch wir dorthin verfrachtet.

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Kreuz und quer fahren wir durch den Ort und halten gefühlt drei Mal an jedem Haus. Hier wird eine Kiste abgeholt, dort ein kleines rosa Tütchen mit geheimnisvollem Inhalt. Dann wird noch eine Oma eingesammelt, die aufgrund ihres hohen Alters und der Gebrechlichkeit drinnen sitzen darf. Hinzu kommt ein weiterer Autoreifen, der aber nach drei Ortsumrundungen wieder da abgeworfen wird, wo wir kurz zuvor die Oma erbeutet hatten. Es ergibt alles scheinbar keinen Sinn, aber irgendwann ist es geschafft. Das Sammelsurium an Menschen und Gütern ist komplett. Die Ladefläche teilen wir uns nun außerdem mit drei großen und einem sehr kleinen Einheimischen und verlasen den Ort in hohem Tempo auf einer asphaltierten Straße. Der Fahrtwind tut gut, auch wenn er eher heiß als kühl ist. Irgendwo muss jemand mit einem gigantischen Föhn hocken. Den Übeltäter kann ich jedoch nirgends entdecken und lasse meine ungeteilte Aufmerksamkeit deshalb lieber den Reizen der Umgebung zukommen.

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Der Asphalt wandelt sich zu einer Backsteinstraße. Es wird hügeliger. Wir fahren bergauf, immer höher und höher. Die Landschaft ist atemberaubend. Grün und saftig leuchtet sie. Auf kleinen Terrassen wird Mais angebaut. Kühe, Bauern und deren Häuschen fliegen an uns vorbei, während wir um die Kurven sausen und unserem Ziel immer näher kommen. Nach einer Weile treffen wir auf ungefähr zwanzig Bauarbeiter. Die hocken wie die Hühner auf der Stange in der staubigen Mittagshitze. Schwitzend bauen sie mit ihren Händen die Backsteinstraße aus.

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Anfang und Ende der Straße. Für uns das Ende. Schotterpiste. Links und rechts tiefe Risse und Furchen, die ein andauernder Regen hinterlassen haben muss. Auf unserem Weg große Steine. Wir kommen kaum voran und ich werde das Gefühl nicht los, dass das Reiseziel nun doch nicht mehr erreicht werden will. Noch für ein paar Kilometer versuche ich, mir die Sache schön zu reden, die skurrile Mondlandschaft der Hochebene, wilde Esel, Ziegen und später den erneuten Blick auf das Meer zu genießen. Es gelingt mir fast nicht mehr und ich verfluche den Moment, in dem ich mich beim Packen für die Wanderschuhe und gegen das Sitzkissen entschieden habe.

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Gerührt und geschüttelt bleibt mir das Lachen irgendwo im Hals stecken. Dem Pick-up scheint es ganz ähnlich zu gehen. Nach einer tiefen Rinne und einem lauten Knall stöhnt und knarrt er bei jeder Bewegung. Obwohl wir uns nur in Schritttempo fortbewegen, werden wir auf der Ladefläche hin und her geworfen und in die Höhe geschleudert, um dann unsanft wieder auf dem Hosenboden zu landen. Am nächsten Tag habe ich von dieser Aktion überall blaue Flecken. Aber angeblich ist ja alles für irgendetwas gut. Ich schreie gleich.

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Keine Minute zu früh ist es geschafft. Wir sind unten, lassen den Berg hinter uns. Als wäre nichts gewesen, fahren wir graziös die letzten Meter am Strand entlang. Der ist hier schwarz und wir sind da. Ziel erreicht. Endlich. Nach ca. 3,5 Stunden Fahrt und einem Sonnenbrand, der trotz großzügiger Anwendung von Lichtschutzfaktor 50 seinesgleichen sucht, sind wir am schönsten Arsch der Welt angekommen. Verschwitzt und verstaubt werden wir an unserer Unterkunft freundlich in Empfang genommen. Und ich beschließe sofort, dass ich jetzt einfach mal fünf Tage lang gar nichts machen werde. Ein guter Vorsatz, der allerdings wie die meisten seiner Vorgänger keine lange Haltbarkeit hat.

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Jetzt, wo du in Tarafal de Monte Trigo angekommen bist, kannst du auch gleich noch zum Fischen mit mir aufs Meer fahren. Und in meinem Artikel „Tipps für deinen Urlaub auf den Kapverden“ findest du viele hilfreiche Informationen, falls du eine Reise dorthin planst. Folge mir außerdem auf FacebookTwitter oder Instagram, denn bald geht es hier weiter, mit Geschichten und Berichten aus der Welt.

Fotocredit: 2. & 3. Bild © Matthias Zwanzig

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  • Simsi 21. April 2016 at 17:06

    Wo kann man einfach nur sein und sich treiben lassen, wenn nicht in Tarafall auf Santo Antao am Arsch der Welt. Tiefenentspannung pur mit den tollen Sonnenuntergängen. Aber man muss muss sich dies erst mit der Anreise verdienen :-)

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