Arachnophobie für Fortgeschrittene – Teil 2

22. Oktober 2013

Nach einem kleinen Ausflug am nächsten Nachmittag treffen wir auf dem Weg zu unserem Zimmer unsere alte Bekannte wieder. Bräsig klebt sie an einer Treppenstufe und lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Wir sind uns ziemlich sicher, dass sie es ist. Allerdings hätten wir nicht erwartet, dass sie den Weg zurück finden und nach weniger als einem Tag wieder an unsere Tür klopfen würde. Als wir das Zimmer kurze Zeit später verlassen, ist sie verschwunden. Wir atmen auf.

Am Abend, kurz vor Abstellen des Stroms um 23 Uhr, wollen wir uns schnell fürs Bett fertig machen. Beim Griff nach meiner Zahnbürste muss ich jedoch feststellen, dass die Spinne wieder da ist. Recht zufrieden thront sie ganz oben auf meinem recht beachtlichen Klamottenberg. Triumph scheint in ihren Augen aufzublitzen.

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Zu Dokumentationszwecken will ich sie noch einmal fotografieren, aber sie hat andere Pläne und läuft los, springt über Kleidungsstücke, Taschen, auf den Boden, wieder zurück auf die Sitzfläche, rennt weiter. Und dann? Wird es dunkel. Die Zeit für die Stromnutzung am heutigen Tag ist damit offiziell um. Genau das haben wir jetzt gebraucht. Zwei Leute mit latenter Spinnenphobie und Auslöser derselben in einem stockfinsteren Raum. Ich kann mir fast nichts Schöneres vorstellen. Licht muss her und ein hektisches Suchen nach der Taschenlampe beginnt. Nach einer gefühlten Ewigkeit finden wir sie endlich. Die hat auch schon heller geleuchtet, aber für die Großfahndung muss ihre Energie noch reichen. Die Jagd geht also weiter. Der Plan sieht vor, sie durch die Hintertür auf die Terrasse zu befördern. Notfalls mit Gewalt, auf jeden Fall aber mit Hilfe eines Besens. Doch dieser beschließt ausgerechnet in diesem Moment, dass er sein weiteres Dasein lieber als Zauberstab fristen möchte. Bitte schön. Nach der ersten Berührung der Spinne, löst sie sich in Luft auf. Wir suchen alles ab, jede Ecke, jeden Winkel. Weg, einfach weg. Es hilft nichts, wir können nichts tun und entscheiden uns, ins Bett zu gehen. Eingehüllt in Unbehagen und Spinnweben. Vorher mache ich aber die Badezimmertür noch einen Spalt auf. Wer weiß, vielleicht materialisiert sie sich wieder und geht einfach zurück an ihren alten Platz hinter der Tür. Dann könnten wir einfach nochmal von vorn anfangen.

Es ist dunkel. Ich höre die Brandung. Ich spüre etwas an meinem Arm. Ich spüre etwas an meinem Arm! Läuft da was drüber? Die Spinne vielleicht? Die Spinne! Ich springe auf, stehe im Bett, rüttel panisch am Mann herum und verlange lautstark nach der Taschenlampe. Nach einem ausführlichen aber ergebnislosen Scan von Bett und Boden, muss ich mir fortgeschrittenen Wahnsinn attestieren lassen. Licht aus. Weiterschlafen. So gut es eben geht. Mit der Brandung und juckenden Mückenstichen, den Gedanken an dieses furchterregende Ding, schwitzend. Ich schlafe ganz, halb, bin wieder wach. Es ist noch immer dunkel, aber am Strand kräht schon der Hahn und hört auch nicht mehr auf. So ein Vogel!

Am Morgen schafft es der Mann nach Überprüfung der Sachlage unter die Dusche. Weit und breit kein Grund für Panikattacken. Er freut sich. Nur hält diese Freude nicht lange an. Der Griff nach dem Handtuch offenbart, dass sie tatsächlich wieder eingezogen ist. Hat der Mann gerade gequiekt? Er hat. Aufgeschreckt springt die Spinne los und bringt sich am inneren Türrahmen in Position. Wer rein oder raus will, muss zwangsläufig an ihr vorbei und das ist kaum möglich, weil die Türöffnung nicht den gewünschten Abstand zulässt. Vom Mann ist das recht viel verlangt. Er verliert die Nerven. Am liebsten würde er die nächsten Tage, Wochen, Monate im Badezimmer ausharren, bis der Feind aufgibt und sich verzieht oder einfach tot von der Wand fällt. Beides ist im Moment recht unwahrscheinlich. Einen Schritt vor, zwei Schritte zurück, viel gutes Zureden, wieder einen Schritt nach vorn. Circa 15 Minuten vergehen, bis ich ihn aus dem Bad befreit habe. Das war auch dringend notwendig, schließlich ist er zum Tauchen verabredet. Deshalb macht er sich auch ganz flott aus dem Staub. Jetzt bin ich allein mit dem Grauen. Da sitzt sie. Noch immer. Ganz geduldig und glotzt mich wieder an. Auf ein kurzes Gedankengefecht mit mir selbst folgt die Kapitulation. Ich ziehe es vor, mir die Zähne im Freien zu putzen und entscheide ich mich, auf das Sortieren meiner Frisur zu verzichten, auch wenn ich nun erstmal wie ein aufgeplatztes Sofakissen herumlaufe werde. Der Atlantik wird es schon richten.

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Nach unserem Schnorchel- und Tauchausflug erfolgt am Mittag die zweite Evakuierung durch David. Da wir es jedoch mit einem recht ehrgeizigen Modell zu tun haben, stellt sie einen neuen Streckenrekord auf. Bereits am Abend ist sie zurück. Ganz selbstverständlich klebt sie sich wieder hinter die Badezimmertür und macht uns damit unmissverständlich klar, wessen Zimmer das ist.

Wie es mit der Spinne weiterging, erfährst du hier. Du hast den ersten Teil verpasst? Dann solltest du den natürlich auch noch lesen, nämlich hier. Folge mir außerdem auf FacebookTwitter oder Instagram, denn bald geht es hier weiter, mit Geschichten und Berichten aus der Welt.

Fotocredit: Bilder 3 und 4 im Post (unter Wasser) © Matthias Zwanzig

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